Die Relevanz der Größe

<p>»Size matters« – nie war der Spruch so aktuell wie heute. Zumindest hat es den Anschein, wenn man sich die Aktivitäten in der Halbleiterindustrie betrachtet: Renesas und NEC schließen sich zusammen, der Speicherbereich konsolidiert sich.

»Size matters« – nie war der Spruch so aktuell wie heute. Zumindest hat es den Anschein, wenn man sich die Aktivitäten in der Halbleiterindustrie betrachtet: Renesas und NEC schließen sich zusammen, der Speicherbereich konsolidiert sich. Auf den ersten Blick ist alles auch ganz einfach: Wann, wenn nicht jetzt, soll die Konsolidierung stattfinden, gerade in Sektoren wie Speicher und Controller?

Die Halbleiterindustrie hat aber immer auch von neuen Ideen und neuen Firmen gelebt. Platz für sie wird es weiter geben. Sogar in Zeiten der Krise bekommen Start-ups noch Geld. Dass es nicht mehr so sprudelt wie in Zeiten des Booms, ist nun wirklich nicht überraschend. Und es gibt durchaus interessante Marktbereiche, in denen sich kleinere und mittelgroße Unternehmen tummeln und nicht schlecht dabei leben.

Ein Grund dafür mag sein, dass die großen Anwender die Relevanz der Halbleiter erkannt haben. Unabhängig davon, welche Messen ich über die letzten Monate besucht habe, ein interessanter Aspekt tauchte durchgehend auf: Die großen Systemhersteller reden direkt mit den Herstellern der Komponenten – nicht nur mit den IC-Herstellern, auch die Elektromechanik spielt eine große Rolle. »Wir sitzen plötzlich bei den OEMs mit am Tisch!«, diese überraschte Aussage hörte ich des Öfteren.

Bisher hatten die OEMs die Definition der Subssysteme vor allem ihren großen Zulieferern überlassen. Jetzt wollen sie wieder selber definieren, wie die Subsysteme aufgebaut sein sollen. Denn die Subsysteme bestimmen, wie viel das Endprodukt kostet und was es kann, beispielsweise wie energieeffizient das Gesamtsystem arbeitet. Die Systemhersteller haben also erkannt, dass die Komponenten – nicht immer abhängig von der Größe ihrer Hersteller – systemrelevant sein können.

Warum der eingangs genannte Spruch heute aber vor allem aktuell ist, zeigt ein Blick auf die jüngsten Ereignisse um Firmen wie General Motors und Opel: Wer sich einer gewissen Größe erfreut, der kann praktisch nicht mehr untergehen. In den westlichen Industrienationen hat sich offenbar ein Konsens herausgebildet, dass große Unternehmen vom Staat gerettet werden müssen, weil sie »systemrelevant« seien. In diesen Begriff lässt sich also allerhand hineininterpretieren.

Eine nahe liegende Interpretation an dieser Stelle: Ein großes Unternehmen ist vor allem dann systemrelevant, wenn sein Scheitern kurz vor Wahlen droht. Wenn die Regierungen munter so weiter machen, dann ist zumindest eines klar: Das System selber, für das die – vermeintlich – geretteten Unternehmen relevant sein sollen und für dessen Erhalt die Rettungsmaßnahmen angeblich durchgeführt werden, ist am Ende nicht mehr das, was es war. Um welches System geht es denn, wenn aus Sicht vieler Politiker Unternehmen dann systemrelevant sind, wenn ihre Rettung die eigene Wiederwahl retten könnte?

Da gefällt mir die zuvor genannte Definition von Systemrelevanz schon besser. Aufgabe der Politik wäre es, das Umfeld so zu gestalten, dass in diesem Sinne systemrelevante Unternehmen florieren können und nicht einige schlecht geführten Firmen »gerettet « werden. Dieses Geld sollte besser in die Infrastruktur und die Bildung fließen – das aber ist leider ein naiver Wunsch, wie auch der Bundeswirtschaftsminister über das letzte Wochenende lernen durfte.