Erichs Klartext-Kolumne »Industrie 4.0: Eine Bestandsaufnahme«

Erich Brockard, EBV
»Wichtig ist, dass die Daten­sicherheit – bzw. Security – in den Soft- und Hardware-Designprozess eingebunden wird.«
Erich Brockard, EBV »Wichtig ist, dass die Daten­sicherheit – bzw. Security – in den Soft- und Hardware-Designprozess eingebunden wird.«

Nachdem noch letztes Jahr oft die Frage auftauchte, ob es sich beim IoT nicht um einen großen Hype handelt, wird zumindest Industrie 4.0 jetzt sehr ernst genommen. Dies ist ein großer Fortschritt gegenüber den letzten Jahren, als viele Firmen glaubten, das Thema bis auf Weiteres aussitzen zu können.

Security war schon immer ein wichtiges Thema, auch hier ist die Entwicklung nicht stehengeblieben. Statt abstrakter Aussagen wie »da müssen wir was machen« (was auch immer), sind viele Firmen mittlerweile so weit, dass ihnen klar ist, welchen Teil der Daten komprimiert und/oder verschlüsselt sie weitergeben wollen, und sei es nur in Form eines Grobkonzeptes. Die Firmen akzeptieren, dass sie mit ihren eigenen Daten und/oder den Daten, die ihre Kunden erzeugen, neue Geschäftsmodelle bilden können. Dann wird festgelegt, welche Daten man unverschlüsselt weitergeben kann, welche verschlüsselt werden und welche vorverdichtet werden müssen. Über alledem steht die Frage, mit welchen der erzeugten Daten dem Endkunden ein entscheidender Mehrwert geboten werden kann, m. E. geht dies ohnehin nur in Zusammenarbeit mit dem Endkunden. In diesem Bereich sind die Geschäftsmodelle nach meiner Einschätzung noch in der Konzeptphase. Selbst bei den Automatisierern sehen wir bei EBV größtenteils erst Teilkonzepte.

Es ist festzustellen, dass das Thema IoT und Security bei den Entwicklern falsch aufgehängt ist, das ist vielmehr ein Management-Thema. Externe Berater können helfen, Chancen und Risiken gegenüberzustellen und sachlich aus einer externen Sicht aufzubereiten. EBV Elektronik wird sich zukünftig auch diesbezüglich engagieren, nachdem wir ja demnächst das 2. Mal auf dem Mittelstandstag in Leipzig zum Thema Industrie 4.0 referieren werden und EBV in der Mittelstandsinitiative »Fabrik 4.0« aktiv ist.

Konkrete Angebote gibt es auch bereits im Bereich TSN. Neben den Halbleiter-Chips wird auch ein umfangreiches Ecosystem benötigt wie Software-Stacks und Konfigurations- Tools. EBV und deren Partner liefern hierfür ein umfassendes Tool-Set. Bereits ab Q4 2016 wird es FPGAs mit TSN IP und Microcontroller Lösungen mit externem TSN-Switch-Chip geben, welche in Switch- oder Router-Anwendungen Einzug finden werden. Viele unserer Kunden in der Automatisierung stellen sich zukünftig im Downstream zum Sensor oder zur Maschine ein proprietäres Echtzeitprotokoll und nach oben TSN vor – solange TSN die zeitkritische Genauigkeit von Profinet oder Ethercat noch nicht erreicht, aber daran wird ja auch gearbeitet. In den nächsten 3 bis 5 Jahren werden wohl weiterhin einige proprietäre Feldbusse Bestand haben, aber wir sehen auch schon Konzepte für TSN-Netze, über die man Profinet RT, Ethernet-IP und CC-Link tunnelt. Auch wenn Anbieter von proprietären Bussen gut von einer Abschottung gelebt haben, steht für mich fest, dass man künftig nicht Industrie 4.0 predigen und auf proprietäre Busse setzen kann. Natürlich will niemand die Bestandsmärkte aufgeben, doch es wird eine Migration geben. Selbst wenn man über einen Standard TSN ggf. Bestandsgeschäft verlieren wird, kann man auf der anderen Seite über die Interoperabilität neue Kunden dazu gewinnen.

Neues gibt es auch aus den USA. Das Industrial Internet Consortium (IIC) arbeitet jetzt offiziell im Rahmen seiner Testbeds mit der deutschen Industrie-4.0-Initiative zusammen. Nachdem das IIC bislang immer DDS, das ja im Mess- und Prüfbereich sehr stark vertreten ist, propagiert hatte, ist nun offenbar OPC-UA auch jenseits des Atlantik anerkannt – es gibt bereits Webinare, die sich mit der Interaktion von OPC-UA und DDS beschäftigen. Nicht nur In den oberen Layern der Automatisierungspyramide ist dabei OPC-UA der Standard der Wahl, sogar Server-Hersteller beschäftigen sich damit. Da keiner der beiden Standards den anderen überrollen wird, ist dies der richtige Weg, um interoperable Plattformen herzustellen. Der Markt wird aus meiner Sicht ohnehin schneller sein als die Standardisierungsgremien. Viele Unternehmen, die mit ihren Produkten in 3 bis 5 Jahren Geld verdienen wollen und müssen, können mit dem akademischen Ansatz, in den nächsten 20 Jahren erstmal alles durchzustandardisieren, kaum etwas anfangen.

Über den Autor:

Erich Brockard ist Director Application bei EBV Elektronik und »Missionar« des deutschen Mittelstandes beim Thema Industrie 4.0.