Interview mit Infineon-Vorstand » Wir leben die Smart Factory vor «

Seit Juli 2016 ist Dr. Helmut Gassel im Vorstand des Chipherstellers Infineon. Im Exklusiv-Interview mit DESIGN&ELEKTRONIK spricht er über Industriepolitik, die China-Aktivitäten von Infineon, die gescheiterte Akquisition von Wolfspeed und die große Herausforderung Security.

DESIGN&ELEKTRONIK: In Ihrer neuen Rolle sind Sie im Vorstand auch für die Regionen verantwortlich, bei denen der Umsatzanteil von Infineon in Asien und speziell China in den letzten Jahren immer weiter zu Lasten von Europa und Deutschland gestiegen ist. In China wird im Gegensatz zu Deutschland die Digitalisierung sehr zielgerichtet und schnell vorangetrieben. Was würden Sie der deutschen Regierung raten, um die Innovationsgeschwindigkeit in Deutschland zu er­höhen und was hat die Industrie beizutragen?

Dr. Helmut Gassel: Ich sehe die Situation differenzierter; in Deutschland kommen wir mit der Digitalisierung ebenfalls sehr gut voran. Wie auch die Gesamtwirtschaft ist Infineon in China stärker gewachsen als in Europa – das stimmt. Personalmäßig haben wir zwar in Asien entsprechend mehr zugelegt, aber auch in Deutschland Stellen aufgebaut. Die Digitalisierung und die Vernetzung unserer Fabriken über Kontinente hinweg helfen uns, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Standorte zu sichern. Der Dialog mit der Bundesregierung darüber ist uns wichtig. Wir spüren, dass die Politik sehr offen dafür ist, mehr über die Entwicklung wichtiger Technologien zu erfahren. Da ist Industrie 4.0 genauso ein wichtiges Thema wie automatisiertes Fahren.

Obwohl es ja bei diesen beiden Beispielen Defizite in der Infrastruktur gibt …

Sicher müssen wir mit der Politik erörtern, was es braucht, damit Deutschland technologisch Spitzenreiter bleibt. Dazu gehören neben anderen Themen der Breitbandausbau sowie der Mobilfunkstandard der nächsten Generation, kurz 5G, für geringe Latenzzeiten zur Echtzeitvernetzung von Industriesteuerungen. Wichtig sind auch gezielte förderpolitische Anreize – monetäre und nicht-monetäre –, die es uns ermöglichen, Forschung und Entwicklung für digitale Technologien hier in Deutschland zu halten. Die Eigeninvestitionen der Industrie werden in der Regel ein Mehrfaches dieser Förderung betragen.

In Brüssel wird fleißig über Agrarsubventionen diskutiert, während die Fördermittel für die High-Tech-Industrie eher limitiert ausfallen, besonders im Vergleich zu den asiatischen Staaten (China, Korea, Singapur, Taiwan …). Wie wirkt sich dies auf Ihre Investitionsstrategie aus?

» Europa beginnt, die strategische Bedeutung der Mikroelektronik zu erkennen «


Europa hat begonnen, die strategische Bedeutung der Mikroelektronik zu erkennen. Bislang ist das Finanzvolumen der Förderprogramme – vornehmlich für Forschung und Entwicklung – aus unserer Sicht noch zu klein. Die EU hat aber bereits den bestehenden Rahmen für Beihilfen erweitert. Wenn das von Ihnen beschriebene Programm [1] zur Förderung von Projekten im gemeinsamen europäischen Interesse umgesetzt wird, freuen wir uns. Für die Unternehmen der Mikroelektronik ist eine derartige Förderung in Europa ein wichtiger Faktor.

Können Sie mal die sogenannten Standortfaktoren beschreiben, nach denen Sie Ihre Investitionsentscheidungen treffen?

Diese Faktoren sind für Fertigung, Entwicklung und Vertrieb sehr unterschiedlich. Im Vertrieb müssen Sie nah am Kunden sein. Mit einer wachsenden Anzahl an Kunden und entsprechenden Umsatzanteilen in Asien müssen Sie dort also entsprechendes Personal aufbauen. Bei der Entwicklung kommt es auf den Zugang zu Wissen an, auf den Standort der entsprechenden Universitäten und anderer Forschungseinrichtungen. Da sind wir in der glücklichen Lage, auch weiterhin in Deutschland und Europa Talente gewinnen zu können, wobei ein günstiges Förderklima wie etwa in Österreich unterstützen kann. Bei der Fertigung gibt es noch andere wichtige Faktoren, wie etwa eine verlässliche Infra­struktur.

Wo haben Sie denn wie viel Personal aufgebaut?

In den letzten drei Jahren sind wir personalmäßig um ein Drittel gewachsen. Sowohl durch Akquisitionen als auch im Stammgeschäft. Ungefähr 4000 Mitarbeiter kamen durch Zukäufe zu uns, organisch circa 6000 Mitarbeiter. Richtig ist, dass wir in Asien seit einiger Zeit mehr Mitarbeiter haben als in Europa – auch, aber längst nicht nur wegen der Personalkosten. Schließlich sind in Asien unsere größten Absatzmärkte.

In der sogenannten IoT-Prototyping-City Wuxi in China laufen nicht nur zahlreiche Pilotprojekte für Smart Cities, sondern es wurden auch wichtige Forschungseinrichtungen wie ein »Sensing China Center« aufgebaut. Können Sie erläutern, in welchen IoT-Projekten Infineon in welcher Weise involviert ist?