NXPs Executive VP Rüdiger Stroh »Der größte Fehler ist, auf Standards zu warten«

NXPs VP Rüdiger Stroh mit D&E-Chefredakteur Frank Riemenschneider
NXPs VP Rüdiger Stroh mit D&E-Chefredakteur Frank Riemenschneider

Als Executive VP bei NXP verantwortet Rüdiger Stroh einen höheren Umsatz als die meisten CEOs in der Halbleiterindustrie. Im Exklusiv-Interview mit DESIGN&ELEKTRONIK ging es nicht nur um Security in einer vernetzten Welt, sondern auch um die große Konkurrenz aus dem Silicon Valley und China.

DESIGN&ELEKTRONIK: Fangen wir am besten an mit dem Verkauf des Standardgeschäfts von NXP an chinesische Investoren. Es gibt bei Kunden gewisse Bedenken hinsichtlich der Stabilität, was können Sie zur Beruhigung sagen?

Rüdiger Stroh: Die Kollegen haben über Jahre toll gearbeitet und sind in einigen Bereichen Marktführer. NXPs margenträchtiges High-Performance-Mixed-Signal-Geschäft hatte natürlich primär zu Investitionen in diesem Bereich geführt, insofern denke ich, dass sich die neue Firma jetzt sogar noch besser entwickeln kann. Was die Chinesen angeht: Ich bin ja ab und zu mit der Kanzlerin in China unterwegs und höre immer wieder, wie die Halbleiterindustrie weiter aufgebaut werden soll.

Werden Sie die Verkaufserlöse dazu einsetzen, einen Teil Ihrer mehr als 7 Mrd. Dollar Schulden zu tilgen?

Bei dem von uns generierten Cash-Flow sind – so merkwürdig sich das für Sie anhören mag – die Schulden für unsere Investoren nicht wirklich ein Problem. Persönlich würde ich mich damit allerdings etwas unwohl führen (lacht). Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass wir das Geld komplett zur Schuldentilgung einsetzen, da gibt es bessere Möglichkeiten zur Wertschöpfung.

In China wird im Gegensatz zu Deutschland die Digitalisierung sehr zielgerichtet und schnell vorangetrieben, die IoT-Prototyping-City Wuxi ist da nur ein Beispiel. Was würden Sie der deutschen Regierung raten, um die Innovationsgeschwindigkeit in Deutschland zu erhöhen?

Ob ich der richtige bin, der Regierung Ratschläge zu erteilen? (lacht) Fest steht, in China passiert seitens der deutschen Firmen viel mehr, als man hier in der Presse mitbekommt, wenn Sie sehen, was nicht nur die großen Firmen wie Siemens sondern z. B. auch ein Mittelständler wie Trumpf dort aufbauen – beeindruckend. Desweiteren hat die chinesische Regierung klar gemacht, dass man überall auf den höchsten Standards einsteigen möchte, nicht nur bei den Chipkarten, sondern auch bei Industrie 4.0. Im Jahr 2025 will China mehr exportieren als importieren.

Jetzt loben Sie China, dabei wollte ich hören, was wir hier besser machen müssen!

Okay, erwischt (lacht). Was mir in Europa fehlt, ist das gemeinsame Vorgehen. Nehmen Sie Security, wo in Deutschland viel gemacht wird. Statt z. B. eine Marke »Security made in Germany« zu verkaufen, macht jeder sein Ding. Und damit meine ich nicht die Politik, unser Wirtschaftsminister, das BSI, die EU – das läuft gut. Aber die Industrie tut sich schwer. In China treten wir gemeinsam auf, aber zu Hause, sagen wir: sehr konkurrenzmäßig.

Sie sprechen ja auch viel mit CEOs von Mittelständlern, wie reagieren die denn auf Ihre China-Euphorie?

Ich war erst kürzlich im Stuttgarter Raum unterwegs und meine Gesprächspartner waren sehr aufgeschlossen, die wollten unsere Erfahrungen aus China hören zum Thema Industrie 4.0. Wir haben nicht nur Papiere, sondern können reale Produkte zeigen, da zählt, nicht, ob wir das aus China nach Deutschland bringen.

Fakt ist ja auch, dass Sie Anfangs dachten, China kann man irgendwie – von wo auch immer – betreuen. Doch das ist ja diplomatisch ausgedrückt in die Hose gegangen und jetzt bauen Sie Ihre Präsenz in China immer weiter aus. Wie kam es dazu?

In den USA ist es selbstverständlich, dass wir bei großen Kunden unser Büro auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben. In China sind diese Ansprüche genau gleich z. B. 24 Stunden Antwortzeit. Einen Huawei können Sie nicht aus Eindhoven betreuen. Da mussten wir aus den Erfahrungen lernen.

Kaspersky hat festgestellt, dass es 2014 alleine 13.000 Vorfälle gab, wo Prozesssteuerungen mit irgendwelchem gefährlichen Code infiziert wurden. Laut FU Berlin sind zudem tausende SPSen in Produktionsanlagen im IoT für Hinz und Kunz noch sichtbar und angreifbar. Sie sprechen von »Security by Design«, aber was ist denn mit den bestehenden Anlagen?

»Security by Design« heißt nicht, wir fangen von vorne an, sondern dass man eine Richtlinie hat, was Security eigentlich bedeutet. Wenn Sie heute ein Auto oder anderes Gerät kaufen, gibt es zig Standards, die z. B. ein Abfackeln verhindern sollen. Bei Security gibt es das nicht. Bei Industrie 4.0 gibt es viele Leute, die mit Sicherheitsstandards nichts anfangen können. Viele Firmen wissen, dass Security wichtig ist, sie wissen aber nicht, was sie tun sollen. Da muss aus unserer Sicht die Politik ran. Wir als NXP haben EU-Kommissar Oettinger konkrete Vorschläge für eine Sicherheitsarchitektur übergeben.

Kann die EU die Lösung in einer globalen Welt sein? Was ist mit den USA und China?

Oettinger ist ein guter Vermittler. Die Amerikaner definieren Sicherheitsstandards, die Chinesen diktieren die einfach und sind uns somit einen Schritt voraus. In Europa, wo es keine Zentralregierung gibt, ist alles immer etwas schwieriger. Tatsächlich könnte natürlich auch die Industrie De-facto-Standards über ihre Produkte setzen.

Nehmen Sie doch mal Tablets, die zunehmend in Fabriken hineinwachsen. Wenn Apple und Samsung diese Geräte mit gewissen Kommunikationsprotokollen aus¬statten, sind das nicht schon De-facto-Standards?

Da haben Sie Recht. Wir arbeiten ja auch eng mit den Damen und Herren in Cupertino oder mit Huawei in China zusammen, wir beginnen schon, Standards zu setzen. Aber nehmen Sie doch mal die Chipkarten in Kreditkarten oder in Ausweisen, was ja signifikant aus Deutschland getrieben wurde, da gab es schon Standardisierung, was u. a. dazu führte, dass Sie weltweit mit Ihrer Karte bezahlen können. Die Politik kann bei der Security unterstützen, aber umsetzen muss es die Industrie und das ist derzeit noch etwas mühsam.