Kommentar Broadcom will Qualcomm kaufen: Geniestreich oder Wahnsinn?

Erst seit 2016 gibt es den Halbleiterhersteller Broadcom in seiner heutigen Form. Laut Bloomberg will er mit Qualcomm jetzt den größten Fisch in der Geschichte der Chip-Industrie schlucken. Ist Broadcoms CEO Hock Tan größenwahnsinnig geworden?

Als erstes: Die Börse freut sich. Nachdem die Meldung zu dem potentiellen Kauf durchsickerte, stieg Qualcomms Aktie um 13 %. Qualcomm ist nach dem Anstieg des Kurses aktuell rund 92 Milliarden Dollar wert, während Broadcoms Marktwert derzeit bei rund 107 Milliarden Dollar liegt. Die Broadcom-Aktie gewann damit 5 %.

Die Broadcom Ltd. mit Hauptsitz in Singapore war in seiner heutigen Form übrigens erst 2016 entstanden, als Avago Technologies die frühere amerikanische Broadcom Corporation für 37 Mrd. Dollar übernahm. Das Unternehmen hatte erst in dieser Woche verkündet, dass man den Hauptsitz von Singapur in die USA verlegen wolle - was US-Präsident Trump als großen Erfolg feierte.

Hintergrund dürfte aber wohl eher das Interesse Broadcoms sein, die Hürden für die Übernahme des Chiplieferanten Brocade auszuräumen, dem die US-Regulierungsbehörden derzeit noch skeptisch gegenüberstehen. Auch bei einer Übernahme von Qualcomm dürfte ein vollständiger Umzug von Broadcom in die USA wohl vieles einfacher machen.

Fest steht, dass sich Broadcom-CEO Hock Tan wohl am ehesten mit Softbanks „crazy guy“ CEO Masayoshi Son vergleichen lässt, der 2016 den IP-Hersteller ARM gekauft hat und ebenso wie Tan am liebsten ganz dicke Bretter bohrt. Tan hat sich Berichten zufolge den Kauf des Mobile-Chip-Giganten Qualcomm für 100 Mrd. Dollar zum Ziel gesetzt, womit nach Intel und Samsung der drittgrößte Chiphersteller der Welt mit einem Umsatz von mehr als 40 Mrd. Dollar entstehen würde.

Es gibt jedoch viele Skeptiker.

Zum einen ist die Übernahme von NXP durch Qualcomm immer noch nicht finalisiert, während man gleichzeitig einen massiven weltweiten Rechtsstreit mit Apple, seinem besten Kunden, führt.

Diejenigen, die gegen den in Malaysia geborenen CEO wetten, der am MIT und in Harvard ausgebildet wurde, bedenken aber eine Sache häufig nicht: In einer Branche voller Ingenieure wie Nvidias CEO Huang ist Tan der Finanzfreak, der eine Bilanz so stark managen kann, wie er ein neues Technologieprodukt kreieren kann.

Und Tan hat Erfahrung damit, größere Fische zu schlucken. Nachdem er Avago Technologies zu einem mittelgroßen Chiphersteller gemacht hatte, kaufte er Broadcom für 37 Mrd. Dollar. 2015 schuf eine Firma, die den Namen Broadcom beibehielt, mit Produkten für drahtlose Kommunikation, Smartphones, Rechenzentrums-Servern und vielen weiteren Märkten. Qualcomm ist natürlich noch größer - mit einem Jahresumsatz von 22 Mrd. Dollar gegenüber den 18 Mrd. Dollar von Broadcom.

Tan machte bei GM und Pepsi im Bereich Corporate Finance Kariere, bevor er 1992 beim ersten PC-Hersteller Commodore anheuerte. Zwei Jahre später wechselte er als CFO zum Chiphersteller Integrated Circuit Systems, wo er schließlich zum CEO aufstieg. Seine Fähigkeiten als Dealmaker haben zu Beziehungen mit führenden Private-Equity-Firmen geführt, darunter KKR und Silver Lake. Wenn jemand 100 Mrd. Dollar einsammeln kann, um den größten Deal aller Zeiten in der Chip-Branche abzuschließen, dann ist es wahrscheinlich Tan.

Tan ist bekannt als rücksichtsloser Kostensenker und hat sich zum Ziel gesetzt, verrückte Ideen in reale Forschungsprojekte zu entwickeln und sich auf die vielversprechendsten technischen Entwicklungen zu konzentrieren. Er bevorzugt auch Geschäftseinheiten, die zusammenpassen. Nach der Verschmelzung von Avago und Broadcom zum Beispiel hat er eine Internet-of-Things-Einheit dichtgemacht. Die meisten Chips von Broadcom gingen an große Kunden wie Apple und Cisco Systems. Die Internet of Things-Einheit war für Hunderte von mittelständischen und kleinen Kunden gedacht, ein Modell, das nicht gut zu dem Rest von Broadcoms Geschäften passte.

Qualcomm, ein Unternehmen, das von Ingenieuren gegründet und geleitet wird, würde vermutlich gut zu Broadcom passen, vor allen Dingen würden die größten Probleme auf einmal lösbar erscheinen.

Da sich das Wachstum auf dem globalen Smartphone-Markt verlangsamt hat, hat das Unternehmen alle möglichen neuen Märkte angegriffen und entwickelt alles von Laptops mit ARM-Prozessoren bis hin zu einer ganz neuen Generation von Zentralprozessoren für selbstfahrende Autos. Dazu kommen die großen Probleme mit Apple und Kartellbehörden auf der ganzen Welt, welche die hohen Lizenzgebühren von Smartphone-Herstellern, die Mrd. Dollar pro Jahr einbringen, drücken.

Während das Verhältnis von Qualcomm und vor allen Dingen dessen Top-Management zu Apples Führungsetage zerrüttet erscheint, lobte Apple inoffiziell bei einem Besuch von mir Ende Oktober in seiner neuen Ufo-ähnlichen Firmenzentrale in Cupertino die gute Geschäftsbeziehung zu Broadcom (und anderen Lieferanten). Dem erfolgreichen Dealmaker Hock Tan ist es zuzutrauen, dass er mit Apple kurzfristig eine Einigung in allen offenen Streitfragen und Prozessen herbeiführen kann, damit Qualcomm sich zukünftig wieder auf das konzentrieren kann, was es am Besten kann: Innovative Chips zu bauen. Es ist auch alles andere als abwegig anzunehmen, dass Apple LTE-Modems by Broadcom auch in seine zukünftigen iPhones einbauen würde und der drohende milliardenschwere Umsatzrückgang beim Ausdesignen von Qualcomm-Chips vermieden werden könnte.

Die Qualcomm-Aktie lag 2014 bei über 80 Dollar. Seitdem ist sie um fast 40% gefallen, bis das Gerücht der Übernahme zu dem Anstieg von 13 % führte. Die Übernahme durch Broadcom könnte die absurden Streitereien mit Wettbewerbsbehörden und dem größten Kunden Apple kurzfristig beenden. Und genau das scheint mir für die Zukunft des Chip-Giganten aus San Diego derzeit das Wichtigste zu sein. Dass abgesehen davon Broadcoms führende WiFi-Technologie bestens zu Qualcomms führender LTE-Technologie passen würde, ist da fast schon ein positiver Nebeneffekt.