Interview mit CEO von Cypress »Autonomes Fahren kommt frühestens in 15 Jahren«

Nach 34 Jahren an der ­Spitze von Cypress Semiconductor trat Legende T. J. Rodgers ab und machte Platz für den erst 36-jährigen Hassane El-Khoury. Im Exklusiv-Interview mit DESIGN&ELEKTRONIK widerspricht El-Khoury Daimler-CEO Dr. Dieter Zetsche, was den Zeitplan für autonomes Fahren angeht.

DESIGN&ELEKTRONIK: Herr El-Khoury, mit Spansion haben Sie einen für Cypress-Verhältnisse dicken Fisch geschluckt. Ist die Integration mittlerweile abgeschlossen? Und vor allen Dingen: Haben Sie die versprochenen Synergien gefunden und umgesetzt? 

Hassane El-Khoury: Ja, seit dem vierten Quartal 2016 operieren wir nur noch als Cypress. Die meisten Produkte, die Sie auf der »embedded world« gesehen haben, wurden bereits von gemischten Teams entwickelt. Wir haben immer gesagt, dass nicht die Herkunft der Mitarbeiter zählt, sondern die Fähigkeiten. Wie Sie unserem Finanzreport entnehmen können, wurden die finanziellen Synergien gefunden und umgesetzt. Auch die kulturelle Integration ist sehr gut gelungen, wir sind jetzt zusammen Cypress 3.0, was auch das gekaufte IoT-Geschäft von Broadcom einschließt. 

Das ist ja nicht trivial, in so kurzem Zeitraum diese Firma und deren Geschäftsbereiche zu integrieren, wie sind Sie vorgegangen? 

Sehen Sie, jede Firma hat ihre eigene Kultur, das fängt schon damit an, wie E-Mails geschrieben werden und endet in dem Prozess, wie Produkte entwickelt werden. Sie brauchen als Orientierung für Ihre Mitarbeiter erst einmal eine klare Vision. Dann haben wir die Integration einfach als Problem definiert, von denen wir jeden Tag unzählige lösen, d. h. die Problemlösungskompetenz wurde auf die Integration angewendet. Was uns dabei zugute kommt, ist der offene Umgang mit Problemen, da wird nichts unter den Teppich gekehrt. Integration ist also kein wie auch immer geartetes Event bei uns, sondern einfach ein zu lösendes Problem. 

Hat sich die Kultur bei Cypress nach dem Rücktritt von T. J. Rodgers eigentlich sehr verändert und wenn ja, wie?  

» Ich pflege meinen eigenen Umgangston « 

 Oh ja, die hat sich sehr verändert. Ich habe für T. J. Rodgers neun Jahre gearbeitet, aber ich pflege meinen eigenen Umgangston. Unsere Exzellenz im Engineering und in der operativen Umsetzung steckte schon immer in der Cypress-DNA, die habe ich natürlich nicht verändert (lacht). Ganz im Gegenteil. Tolle Produkte kriegen Sie nur durch technologische Exzellenz. Ich lege allerdings mehr Wert auf Lösungen statt auf Produkte, das hat sich verändert. Dass wir in unseren Zielmärkten Industrie und Automotive schneller wachsen als der Markt, ist ja kein schlechtes Ergebnis. 

Eine große Herausforderung ist Security. Die Meinung vieler Kunden ist, dass Software nichts kosten darf. Wie soll kostenlose Software die Qualitätsanforderungen für sichere Systeme erfüllen? 
Ich habe den Eindruck, dass sich die Einstellung, dass alles nichts kosten darf, gerade verändert. Früher lag der Wert eines Produktes im Silizium. Es hieß dann, gib mir einfach irgendeine Software, damit die den Chip zum Laufen bringt. Cypress 3.0 sieht das anders. Natürlich gibt es Softwareteile wie die Low-Level-Treiber, die ein Kunde braucht, um den Chip zum Laufen zu bringen. Doch die Zeiten, als man sagte, hier hast du 5000 Seiten Datenblätter, werde glücklich damit, die sind definitiv vorbei. Sie müssen auch weiterhin kostenlos Software bereitstellen, um die Chipkomplexität zu abstrahieren. Darüber aber gibt es Middleware für Grafik, Security und was auch immer. Das ist ein echter Mehrwert. Ich sehe Software als ein neues Produkt an. 


Renesas hat genau diesen Ansatz mit Synergy probiert. Sie überpreisen ihre MCUs und liefern dafür zertifizierte Software. Allerdings habe ich den Eindruck, dass dieser Ansatz noch nicht überall verstanden wird …  

» Renesas Ansatz mit Synergy ist falsch « 

Weil er völlig falsch ist: Sie können Software nicht durch Chipkosten subventionieren! 


Was ist denn Ihr Ansatz? Direkt an die Software ein Preisschild hängen? 

Richtig. Nicht jeder nutzt den Chip auf die gleiche Weise. Wir müssen zeigen, wo der reale Wert liegt. PSoC6 hat eine sehr leistungsfähige Security-Engine. Um die überhaupt zum Laufen zu bringen, liefern wir kostenlose Treiber. Wenn es aber darum geht, Software auf Systemebene bereitzustellen, zum Beispiel für eine Cloud-Anbindung, ist diese ein Mehrwert, der bezahlt werden muss. Wenn ich dem Kunden Software liefere, die seine Wettbewerbsfähigkeit ver­bessert, weil sie hilft, die Hardware optimal zu nutzen, ist das bares Geld für den Kunden. Ich verkaufe Systemlösungen und Software ist ein großer Teil der Lösung. 

ARM versucht mit mbed, die gesamte Wertschöpfungskette vom Sensor bis zur Cloud in den Griff zu bekommen. Was denken Sie über diesen Ansatz?  

» Wir haben einen anderen Ansatz als ARMs mbed « 

Wir haben einen anderen Ansatz. Wir haben viele differenzierende IPs wie kapazitives Sensing. Wir haben dafür natürlich auch ein spezielles Tool zur Konfiguration von Knöpfen, Slidern und so weiter, was ARM nicht hat. Die spezialisierten Peripherien sehen Sie mehr und mehr. 

Der Wettbewerb nimmt ja immer mehr zu, getrieben unter anderem von den vielen Zukäufen. Denken Sie, Qualcomm und NXP könnten Ihr Geschäft beschädigen, weil sie ihre besten Komponenten zusammenführen können? Nehmen Sie zum Beispiel die Adreno-GPUs und Hexagon-DSPs von Qualcomm, die sich aus meiner Sicht auf zukünftigen i.MX-SoCs sehr gut machen würden ... 

Dazu gibt es zwei Antworten: Eine zum Zeitverlauf und eine bezüglich der Fähigkeiten. Der Deal wird Ende 2017 formell besiegelt, dann kommt die komplexe Integration einer Firma, die selbst noch am Integrieren von Freescale ist. Dagegen war unsere Spansion-Integration ein Kinderspiel. Nach weiteren zwei Jahren gibt es dann eine konsistente Roadmap. 

Das ist klar, da fließt noch viel Wasser die Isar herunter, doch das ist ja nicht wirklich überraschend … 

Gut, lassen Sie uns annehmen, alles klappt wunderbar und wir sind einige Jahre weiter. Wir haben keine Angst vor NXP. In allen Märkten, wo wir drin sind, sind wir Nummer Eins bis maximal Nummer Drei – NOR-Flash, Touch und so weiter Bis heute haben weder NXP noch Freescale unser Geschäft beeinträchtigt, da wir nicht in den gleichen Applikationen drin sind. Jetzt kommt die IoT-Konnektivität von Qualcomm dazu. Ihr WiFi ist sehr gut, da kommt es aber auf die Zeit an. Heute werden die Designs gemacht und wir sind bei 100 Prozent der OEMs drin, die WiFi für Autos anbieten. Wenn Sie heute keine entsprechenden Lösungen anbieten können, fährt der Zug ohne Sie ab. 

Wann sehen Sie wirklich autonomes Fahren? Daimler-CEO Zetsche sagte: »Wir werden in naher Zukunft selbstfahrende Autos haben, und wir als Daimler werden ganz vorne dabei sein.«  

» Autonomes Fahren kommt frühestens in 15 Jahren! « 

 Ganz ehrlich? In frühestens 15 Jahren! Warum? Weil die rechtlichen und auch sozialen Randbedingungen ungeklärt sind. Wenn es zu einem Umfall kommt, wer ist denn dann Schuld? Der zeitungslesende sogenannte Fahrer, der OEM, der Chiplieferant, der Softwareentwickler? 

Was meinen Sie mit sozialen Randbedingungen?


Als ich bei Continental gearbeitet habe, kam das ABS. Jeder aber war die »Stotterbremse« gewohnt. Doch damit funktionierte ABS nicht. Es dauerte, bis die Menschen das Vertrauen hatten, auf die Bremse zu treten und draufzubleiben, weil das ohne ABS zuvor zu katastrophalen Folgen geführt hätte. Dann kam die Stabilitätskontrolle. Und wieder dauerte es lange, bis die Menschen begriffen hatten, dass damit die Physik nicht außer Kraft gesetzt werden kann und Unfälle weiter möglich sind. 

Dann haben wir in Deutschland noch das Problem mit einer flächendeckenden LTE-Abdeckung. Wo ist der Business-Case für einen Telecom-Anbieter? Wir sind nicht Singapur oder Korea … 

Das ist eine gute Frage, die natürlich auch im Flächenland USA relevant ist. Ich habe da keine Antwort drauf (lacht). 

Kommen wir zu PSoC. T. J. Rodgers setzt eine ältere Version in seiner sogenannten Wired Winary ein, um mit dem automatischen Bewässerungssystem den »besten Pinot Noir« außerhalb Frankreichs herzustellen. Ganz ehrlich, für mich schmeckt Rodgers Wein eher durchschnittlich, ist die Komplexität von PSoC zu hoch? Ihr neuestes Baby, der Dual-Core PSoc 6 macht es dem Entwickler ja nicht einfacher ... 

Kunden können natürlich weiter Bare-Metal programmieren, wenn sie möchten (lacht). Mit der Register-Map und dem Datenblatt geht es auch bei PSoC 6. Allerdings ist es schwierig, ich gebe Ihnen Recht. Daher haben wir APIs entwickelt für Funktionen wie A/D-Wandler einschalten, oder den einen oder anderen Sensor auslesen. Dann können Sie ein RTOS auf dem Cortex-M4 oder auf dem Cortex-M0+ laufen lassen oder auf beiden. Allerdings können Sie auch einen Ablaufplan im PSoC-Creator erstellen und Peripherien mit Drag-and-Drop konfigurieren. 

Die meisten Ihrer Kunden nutzen ein RTOS? 

Ja, natürlich. bei PSoC 6 kann ich das nur bestätigen. 

Mit PSoC 7 werden Sie auf den Cortex-M7 wechseln. Dieser ist ja noch erheblich komplexer, nehmen wir nur die Speicherarchitektur mit Caches, TCM usw. Was tun Sie denn da? 

Das gleiche wie bisher. Unsere Architekten werden weitere APIs entwickeln, welche die Komplexität abstrahieren. Es gibt keinen grundsätzlichen neuen Ansatz. 

Herr El-Khoury, ich danke Ihnen für Ihre Zeit! 

Das Interview führte Frank Riemenschneider. 

PROFIL: Hassane El-Khoury 

El-Khoury hat libanesische Wurzeln und wurde mit 36 Jahren jüngster CEO eines Halbleiterherstellers mit fast 2 Mrd. Dollar Umsatz. Er studierte Elektrotechnik an der Lawrence Technological University in Southfield, Michigan und anschließend Elektronik-Management an der Oakland University in Rochester Hills, Michigan.

eine Karriere begann er bei dem Zulieferer Continental, für den er in den USA, in Deutschland und Japan arbeitete. Bei Cypress leitete er anschließend den Automotive­bereich und entwickelte die HMI-Strategie basierend auf Cypress‘ Touch-Lösungen. Anschließend leitete er als Executive Vice President das gesamte Mikrocontroller-Geschäft inklusive PSoC.

Während T. J. Rodgers, der Cypress 34 Jahre vorstand, für seine extremen politischen Ansichten (u. a. leugnete er öffentlich auf namhaften IEEE-Konferenzen mehrfach den Klimawandel und sprach sich für Fracking und Ölbohrungen in Naturschutzgebieten aus) und seinen kasernenhofartigen Umgangston berühmt/berüchtigt war, tritt El-Khoury wie der Chef eines Startups in T-Shirt und Jeans in Erscheinung. Von den Mitarbeitern des jungen CEOs haben wir erfahren, dass sich die Kommunikation im Unternehmen seit seinem Amtsantritt »deutlich verbessert habe«.