Bedienoberflächen gestalten Her mit dem Kaffee!

Eingebettete Systeme durchdringen inzwischen viele Bereiche des Privat- und Arbeitslebens, ohne dass Benutzer diese bewusst wahrnehmen – etwa in der Kaffeemaschine oder der Heizungssteuerung. Bei manchen Produkten lässt sich der komplette Funktionsumfang jedoch kaum nutzen, denn oft ist es um die Usability schlecht bestellt.

Mündige Verbraucher erwarten von der modernen Technik nicht nur, dass sie den Alltag erleichtert, sondern diesen zugleich bereichert und verschönert. Der Experte spricht dann von »User Experience« (UX) und meint damit, dass Benutzer die Handhabung des Produkts als positiv empfinden. Für Hersteller von Embedded Systemen reicht es also nicht mehr aus, technisch reibungslos funktionierende Hard- und Software zu entwickeln. Um im Markt erfolgreich zu sein, müssen eingebettete Systeme nicht nur einfach nutzbar, sondern auch mitreißend und in gewissem Maße begehrenswert sein.

Gutes Design orientiert sich an den Aufgaben, Wünschen und Bedürfnissen der späteren Nutzer. Gerade Embedded Systeme mit kleinen Displays sowie begrenzter Speicherkapazität und Prozessorleistung fordern hier die Entwickler besonders. Sind Hersteller jedoch offen für Veränderungen, lassen sich Ansätze etablieren, die einen klaren Wettbewerbsvorteil bedeuten können. Und die Gestaltungsmöglichkeiten sind heutzutage so spannend wie nie zuvor: Technische Entwicklungen wie leistungsfähige Grafikdisplays, superflache Sensortasten, kapazitive Touchscreens oder »intelligente« Umfeldsensoren eröffnen dem Produktdesign und der Interaktionsgestaltung neue Wege. Doch mit der Zahl der Möglichkeiten steigt auch der Bedarf an einer systematischen Vorgehensweise bei der Gestaltung.

Benutzerzentrierter Gestaltungsprozess

Herausragende Bedienkonzepte lassen sich nur mit einem klar strukturierten Gestaltungsprozess entwickeln, der den Benutzer sys¬tematisch einbindet (UCD, User Centric Design). Diesen Prozess beschriebt eine Norm: Die ISO 9241-210 (»Prozess zur Entwicklung gebrauchstauglicher Systeme«, vormals ISO 13407) verzeichnet Regeln für die benutzerorientierte Gestaltung interaktiver Systeme. Sie gliedert sich in vier Phasen: Analysieren, Gestalten, Erfahrbar Machen und Testen.

In der Analysephase werden Informationen über die Benutzer und deren individuelle Bedürfnisse, Aufgaben und Ziele sowie die typische Nutzungsumgebung gesammelt. Um Anforderungen an das spätere Produkt festzulegen, kommen verschiedene Methoden wie On-Site-Visits, Interviews, Fokusgruppen, Online-Analysen, Tagebuchstudien etc. zum Einsatz. Auf Grundlage dieser Materialien werden typische Nutzungsszenarien abgeleitet. Sie bilden die Basis für die nachfolgende Gestaltungsphase.

In dieser Phase werden schrittweise Informationsarchitektur, Navigations- und Interaktionskonzept sowie Layout und Design der Bedienung entworfen. Auch hier finden verschiedene Methoden wie Gestaltungs- oder Ideation-Workshops, Papier-Prototypen oder Wireframes Verwendung. Frühzeitige Visualisierung und Umsetzung in einem Prototyp machen die Interaktions- und Designkonzepte erfahrbar. Dabei kommen je nach Anforderung unterschiedliche Arten von Prototypen zum Einsatz – vom einfachen Papier-Prototypen bis zur interaktiven Variante mit realer Hardware. Die Evaluierung schließlich überprüft kontinuierlich, inwieweit die vorliegenden Interaktions- und Designkonzepte den zuvor definierten Anforderungen genügen.
Usability-Studien helfen dabei, die Gebrauchstauglichkeit der Prototypen zu überprüfen. In einem Usability-Test beispielsweise bearbeiten die Teilnehmer eine Reihe vorgegebener, typischer Aufgaben mit einem interaktiven Produkt oder einem Prototypen. Usability-Engineers analysieren, wo Nutzungsprobleme auftreten und identifizieren mögliche Ursachen sowie individuell wahrgenommene Stärken und Schwächen des Produkts.

Mit UCD zum Kaffee

Wie ein gelungener Prozess mit Kunden aussehen kann, zeigt das Beispiel des Herstellers von Kaffeevollautomaten Jura, der mit einem neuen Bedienkonzept für mehr Differenzierung sorgen wollte – zum
einen über die Soft-Keys an den Seiten des Displays, zum anderen über einen Dreh-Drück-Knopf, den »Rotary Switch«. In einem Anforderungsworkshop arbeiteten UID und Jura heraus, welchen Erwartungen ein Interaktionskonzept für den Vollautomaten entsprechen muss. Dabei analysierte UID zunächst durch Expertengespräche bei Jura und Interviews mit Nutzern den Nutzungskontext. In Anmutungsworkshops entstanden dann verschiedene Moodcharts und Iconstile, die als Grundlage für das finale Design dienten. Mit frühen Prototypen überprüften und optimierten die Usability-Experten das Zusammenspiel von Soft-Keys und Dreh-Drück-Regler. Die Expertenevaluation anhand unterschiedlicher Nutzerszenarien zeigte schließlich mögliche Unklarheiten der Bedienung auf.

Von Usability und User Experience profitieren nicht nur die Nutzer. Auch Unternehmen kann auf den Benutzer und seine Bedürfnisse abgestimmte Gestaltung klare wirtschaftliche Vorteile bringen – von weichen Faktoren wie zufriedenere Kunden oder stärkere Markenbindung über reduzierte Entwicklungsaufwände und geringere Schulungskosten bis zu höherer Produktivität.

Sehen Unternehmen zunächst oft nur die Investition, so werden im Projekt schnell erste Effekte spürbar. Den Nutzer einzubinden, vermeidet Fehlentwicklungen und dadurch teure Korrekturen während oder nach der Implementierung.

Zudem haben Usability und User Experience einen erheblichen Einfluss auf das Markenimage, denn die Bedienoberfläche ist die Visitenkarte eines Produkts – und die Bewertung der Bedienbarkeit ist bei vielen Produkttests inzwischen Standard.

Über den Autor:

Franz Koller ist geschäftsführender Gesellschafter von User Interface Design (UID).