Medizinelektronik-Experte im Interview Elektronik macht Medizin effizient

	Prof. Bernhard Wolf, TU München: »Elektronische Techniken und Methoden haben enorme Beiträge zur Erkenntnis von Prozessen in den Lebenswissenschaften geliefert. Und mit den aktuellen Trends in der Konsumelektronik und Sensorik wird die Bedeutung der Elektronik für Life Science noch deutlich zunehmen.«
Prof. Bernhard Wolf, TU München: »Elektronische Techniken und Methoden haben enorme Beiträge zur Erkenntnis von Prozessen in den Lebenswissenschaften geliefert. Und mit den aktuellen Trends in der Konsumelektronik und Sensorik wird die Bedeutung der Elektronik für Life Science noch deutlich zunehmen.«

"Nur Elektronik bringt den dringend benötigten Fortschritt in der Medizin", meint Prof. Bernhard Wolf, der auf dem Entwicklerforum "Electronics goes medical" den Keynote-Vortrag halten wird. Im Interview verrät er, wie Elektronik das Gesundheitssystem effizienter machen kann.

Medizintechnik und Life Science gelten als aussichtsreiche Wachstumsmärkte für Elektronik. Ohne Elektronik sind Innovationen auf den Gebieten Sensorik, Diagnose, Operationstechnik oder Reha, aber auch Telemedizin oder „Ambient Assisted Living“ nicht denkbar. Und Innovationen werden dringend benötigt, um die Kostenexplosion im Gesundheitswesen und die Folgen der demografischen Entwicklung in den Griff zu bekommen.

Im Interview mit elektroniknet spricht Prof. Wolf über das Einsparpotenzial durch Elektronik im Gesundheitswesen, über konkrete Projekte und die nötigen Schritte, damit Telemedizin und Ambient Asissted Living tatsächlich Realität werden.

elektroniknet: Herr Prof. Wolf, Ziel des Entwicklerforums „Electronics goes medical“ ist es, den Einsatz von Elektronik in der Medizin und im gesamten Gesundheitswesen voranzutreiben. Ein Ziel, das Ihr Lehrstuhl ebenfalls konsequent verfolgt. Welche Vorteile versprechen Sie sich davon?

Prof. Wolf: In der technischen Welt haben Elektronik und Mikroelektronik in den vergangenen Jahren eine gigantische Effizienzsteigerung ausgelöst: Einerseits wurden Fertigungsprozessen drastisch günstiger und der Materialeinsatz geringer, andererseits kam es nur zu geringfügigen Beschäftigungsverlusten. Im medizinischen Bereich sind die Kosten dagegen stark angestiegen und zeigen immer noch eine steigende Tendenz bei nachlassender Qualität. Bei vernünftigem Einsatz von elektronischen Systemen lassen sich die Effizienzvorteile aus der technischen auch in die medizinische Welt übertragen und können dort beitragen, die Qualität der Therapie und des Service zu verbessern.

elektroniknet: Wie hoch würden Sie die möglichen Einsparpotenziale schätzen und an welchen Stellen sollte man konkret ansetzen?

Prof. Wolf: Nun, Smartphones zum Beispiel sind zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand geworden und haben sich dank zunehmend intuitiver Bedientechnik über alle Bevölkerungsschichten verbreitet. Mit zusätzlichen Sensoren ausgestattet, können Smartphones medizinische Daten am Patienten direkt erfassen, über das Internet einer evidenzbasierten Datenbank zuführen und dort Informationen und Handlungen hervorrufen, die unmittelbar in die Behandlung des Patienten einfließen können. Wie die American Heart Association gezeigt hat, bietet eine solche Vorgehensweise für die Indikationen Herzinsuffizienz, Adipositas und Hypertonie bis zu 40 Prozent Einsparpotenzial. Weitere Untersuchungen haben für elektronisch gestützte Applikationstechniken für Arzneimittel wie Inhalatoren, aerosolgetragene Systeme oder „intelligente Pillenschachteln“ ebenfalls ein bedeutendes Einsparpotenzial in den jeweiligen Krankheitsgebieten ergeben. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass es durchaus sinnvoll ist, elektronische Endgeräte aus der Kommunikationstechnik in Präventionsstrategien oder in die Behandlung von Krankheiten einzubinden, um effizientere medizinische Strategien zu entwickeln

elektroniknet: Aber Smartphones und die Kommunikationsnetze stellen doch auch ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar?

Prof. Wolf: Natürlich, gegenwärtig hat die schöne neue digitale Welt auch ihre Haken und Ösen, mit leider zunehmendem Umfang. Die Themen Datenschutz, Betriebssicherheit und Zuverlässigkeit warten immer noch auf verbindliche Standards und eine durchsetzbare gesetzliche Regelung und behindern so den Einsatz. Interessant ist aber, dass die Gesellschaft Technik in diesem Bereich nicht generell ablehnt. So haben bei einer Umfrage des VDE im Rahmen der Analyse „Trends in der Medizintechnik“ gut zwei Drittel der befragten Bundesbürger angegeben, das Gesundheitssystem nutze den technischen Fortschritt zu wenig. Das muss sich bald ändern, denn um die Entwicklung bezüglich der Gesundheitskosten endlich in den Griff zu bekommen, müssen wir die Schnittstelle Arzt-Patient mit intelligenten elektronischen Systemen optimieren und den Arzt von lästigen Routinearbeiten erlösen. Und nur dann können sich die zunehmend überlasteten Ärzte für die wirklich kritischen Fälle die nötige Zeit nehmen.