Interview mit Ole Bjørn, Jianghai »Wir möchten Fachwissen vermitteln«

»Das ‚Capacitor Competence Center‘ ist eine Art Hotline, die dem Kunden eine kompetente Antwort auf seine Fragen rund um Kondensatoren gibt – entweder sofort oder wenigstens am gleichen Tag«, meint Ole Bjørn, Geschäftsführer von Jianghai Europe
»Das 'Capacitor Competence Center' ist eine Art Hotline, die dem Kunden eine kompetente Antwort auf seine Fragen rund um Kondensatoren gibt – entweder sofort oder wenigstens am gleichen Tag«, meint Ole Bjørn, Geschäftsführer von Jianghai Europe

Passive Bauteile werden an den Universitäten häufig nur kurz angeschnitten oder ausschließlich theoretisch abgehandelt. Deren reales Verhalten überrascht junge Ingenieure daher regelmäßig. Was man dagegen tun kann, fragten wir Ole Bjørn, Europa-Geschäftsführer des Kondensatorherstellers Jianghai.

Im Vorgespräch auf der PCIM Europe 2015 sagten Sie, bei uns in Deutschland ginge viel Wissen rund um Kondensatoren verloren. Woran liegt das?

Ole Bjørn: Grundsätzlich ist zu sagen, dass bei Applikationen mit höheren Leistungen oder schwierigen Lastprofilen die Auswahl der geeigneten Kondensatoren, insbesondere der Elektrolytkondensatoren, schwierig ist. Diese Bauteile entscheiden häufig über die Zuverlässigkeit und Lebensdauer der gesamten Applikation. Um diese aber richtig einzusetzen, benötigen Entwickler ein Wissen, das weit über die Kernparameter der Bauteile hinausgeht. Die Hochschulen vermitteln leider in der Regel nicht die realen Eigenschaften der Bauteile, sondern nur die idealisierten. Junge Ingenieure haben hier zwangsweise Wissenslücken. Die erfahrenen Senior Development Manager hingegen scheiden auch irgendwann in den verdienten Ruhestand aus. Nicht immer gelingt es, das Fachwissen der erfahrenen Entwickler in voller Tiefe weiterzureichen.

Ein weiteres Problem sehen wir in der immer geringer werdenden Anzahl an Herstellern. Durch Übernahmen, Verlagerungen oder schlicht Aufgabe von Fertigungsstandorten werden solche Bauteile kaum noch in Europa gefertigt. Entsprechend gibt es kaum noch Experten mit Erfahrung aus europäischen Werken. Erschwerend kommt hinzu, dass die Hersteller meist in Asien sitzen. Eine Kommunikation zwischen Kunde und Werk ist nur selten fruchtbar. Lokale Vertriebsorganisationen haben zumeist den Charakter eines Distributors, nicht eines Entwicklungsbüros.

Während früher noch geschulte Vertriebs-ingenieure seitens der Hersteller ins Feld geschickt wurden oder ein Anruf im Werk möglich war, erstickt heute zumeist ein einzelner Field Application Engineer – wenn überhaupt vorhanden – an Arbeit, während der Vertrieb in der Regel ohne den Ingenieur-Hintergrund nichttechnisch, aber kostengünstig abgewickelt wird.

Ein letztes Problem: Der Vertrieb durch die Distribution mag Herstellern und Kunden mitunter Nutzen bringen, entkoppelt jedoch in beide Richtungen die Kunden und die Hersteller. Dadurch entfällt die Chance, Bauteile applikationsspezifisch zu optimieren beziehungsweise auf Schwächen im Design hinweisen zu können.