Der »Faktor Mensch« spielt in der Logistik eine zentrale Rolle

Thomas Rolle, frischgebackener TTI Vice President European Operations, ist seit kurzem für die Logistik des Distributors verantwortlich - ein Interview.

Thomas Rolle, frischgebackener TTI Vice President European Operations, ist seit kurzem für die Logistik des Distributors verantwortlich - ein Interview.

Markt&Technik: Sie beschäftigen sich seit mehr als 15 Jahren mit Logistik in der Bauelementeindustrie. Von welchem Grundgedanken lassen Sie sich leiten?
Thomas Rolle: In der Logistik wird heute sehr viel über Technik gesprochen: Begriffe wie Kanban, Konsignationslager oder VMI finden permanent Erwähnung. Nicht selten werden sogar neue Begriffe für Prozesse kreiert, die seit Jahren zum Einsatz kommen und mehr für Verwirrung sorgen, anstatt eine Unterstützung bei der Optimierung darzustellen. Ich will weg von diesen Fachausdrücken und lege den Fokus bewusst nicht auf die Technik, sie ist lediglich Mittel zum Zweck. Unsere Philosophie ist es, eine gemeinsame langfristige Strategie zwischen den Partnern umzusetzen, mit der sich Flexibilität und die Optimierung von Kosten und Bestände erreichen lassen, mit der aber auch Wissen auf beiden Seiten aufgebaut wird.

Von Logistikprogrammen versprechen sich viele wohl erst einmal mal Prozesskosteneinsparungen . . .
Sicher spielen die Einsparungen bei Prozesskosten eine Rolle – aber man ist häufig zu stark auf diese Prozesskosten fixiert. Wird die Produktivität in einem Bereich gesteigert – was die Prozesskosten reduziert –, muss man sich darüber im Klaren sein, dass dies nicht bilanzwirksam ist, denn es ist eine Kapazitätsrechnung. Wenn ein Element in einer Prozesskette stärker wird, das nachfolgende aber genau so schwach wie vorher ist, bringt es für den Gesamtdurchsatz gar nichts. Man muss also immer an der schwächsten oder der kritischsten Stelle ansetzen. Das ist unsere Strategie: kritische Elemente entlang der gesamten Lieferkette zu identifizieren und dort anzusetzen. Unsere Aufgabe als Lieferant besteht darin, die Voraussetzungen für den Erfolg unserer Kunden zu schaffen, und dieser Erfolg bemisst sich eben nicht allein an Kostenreduzierungen. Er besteht zum Beispiel auch darin, dem Kunden möglichst viel Elastizität zu bieten, was seine Nachfrage betrifft, oder ihn dabei zu unterstützen, auch mit schwer planbaren Bedarfen zurechtzukommen.

Sie messen dem Faktor Mensch eine hohe Bedeutung bei . . .
Unbedingt, denn die Ideen müssen immer von Menschen kommen. Hier steckt das Kreativitätsund Optimierungspotenzial – es muss jedoch genutzt werden. Letztlich muss eine bessere Lösung von den Menschen, die daran beteiligt sind, mitgetragen werden. Wir setzen deswegen unsere Mitarbeiter auch interdisziplinär ein, um das Verständnis für die verschiedenen Arbeitsabläufe zu erhöhen, die entlang der Prozesskette anfallen. Wir animieren auch unsere Kunden zu einem interdisziplinären Austausch ihrer Mitarbeiter.

Muss denn ein Mitarbeiter aus dem Lager wissen, wie die Auftragsbearbeitung funktioniert?
Ja, denn nur so lässt sich über alle Abteilungen hinweg ein generelles Verständnis für Supply-Chain-Problemstellungen und -Lösungen aufbauen. Das Kennzeichen einer Logistikkette ist ja, dass alle Kettenglieder ineinander greifen. Ein weiterer Effekt dieses interdisziplinären Austausches ist, dass das gegenseitige Verständnis erhöht wird und die Mitarbeiter dadurch eher in der Lage sind, gemeinsam an einer Logistiklösung zu arbeiten und selbst Vorschläge einzubringen. Die offene Kommunikation schafft Vertrauen und Motivation, nur dann ist das Engagement da, an Verbesserungen zu arbeiten und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Ich halte nichts davon, neue Lösungen einsam mit der Geschäftsleitung abzustimmen und die Mitarbeiter vor vollendete Tatsachen zu stellen. Das funktioniert nicht. Zunächst sollte man sich der Diagnose des Ist-Zustandes und der Spezifikation zukünftiger Geschäftsprozesse widmen und erst ganz zum Schluss der Technik. Genau diesen Weg versuchen wir in unserem logistischen Angebot umzusetzen.