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jwuertenbergGenuss ohne Reue?

03.09.2010 von Jens Würtenberg

“Wir genießen die stärkste Position Infineons in den letzten zehn Jahren“, sagte Infineon-CEO Peter Bauer, angesprochen auf die Frage, was denn mit dem Barvermögen nun geschehen solle, das Infineon auf dem Festgeldkonto hat.

Der Genuss wird nicht von langer Dauer sein, denkt der geneigte Leser. Denn ein großes Barvermögen war schon immer ein Zeichen für die Hedge Fonds, sich des Unternehmens zu bemächtigen. Doch halt, die Sorge ist unbegründet, denn mit Apollo hält ja schon seit mehr als einem Jahr ein “aggressiver Finanzinvestor” (so schrieb damals die Frankfurter Rundschau) 1,3 Prozent an dem Unternehmen.

Aber der nach dem griechischen Gott des Lichts, der Musik und der Wahrsagekunst benannte Hedge Fond Apollo will sicher trotz der nur marginalen Beteilung bestimmen, welche Musik gespielt wird. Um Licht in das Dunkel der vorausgegangenen und kommenden Schachzüge bringen, müssen wir uns über die Strategien von Finanzinvestoren verständigen. Dazu sind bereits einige Lehrbücher erschienen, einen guten Einblick gibt auch die Studie des Hans-Bredow-Instituts über “Finanzinvestoren im Medienbereich”, die im Internet abrufbar ist (www.ipmz.uzh.ch/media/…/Gutachten_Finanzinvestoren_21052008.pdf).

Eine typische Vorgehensweise, schreiben die Verfasser der Studie, besteht darin, “trotz kleiner Anteile am Aktienkapital personelle, finanzpolitische und strategische Änderungen durchzusetzen”.

Bei Infineon begannen die personellen Veränderungen mit der Berufung von Manfred Puffer; der ehemalige Apollo-Manager sitzt seit Mitte des letzten Jahres im Aufsichtsrat von Infineon. Damals wurde auch die Amtszeit von Prof. Dr. Klaus Wucherer, der den bisherigen Aufsichtsratsvorsitzenden Max Dietrich Kley ablöste, auf ein Jahr begrenzt. Und als schon die Gespräche mit Intel über die Übernahme des Wireless-Bereichs liefen, da nahm auch Finanzvorstand Marco Schröter seinen Hut. Mit dem Vollzug der Abtrennung des Unternehmensteils wird auch Prof. Dr. Hermann Eul seinen Platz im Unternehmensvorstand räumen. Mehr personelle Veränderung geht nicht.

Der Studie zufolge konzentrieren sich die Hedge Fonds bei den Finanzen auf Unternehmen, die relativ hohe Barbestände haben und fordern deren Ausschüttung. Dies wird in der Regel erfolgreich durchgesetzt, weil sich andere institutionelle Anleger diesem Anliegen meist anschließen. Was die Ausschüttung betrifft, so ließ der Vorsitzende des Zwei-Personen-Vorstands von Infineon, Peter Bauer, offen, ob seine Aktionäre mit einer Dividende rechnen können: “Der Aufsichtsrat kennt die Interessenlage der Aktionäre”, lautete die Anwort (SZ vom 30.08.2010). Also dann.

Strategische Veränderungen? Eine wesentliche Erkenntnis der ersten Hedge-Fonds-Gründer war, dass Aristoteles unrecht hatte. Dieser hatte vermutet, dass das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile. Aber die Hedge Fonds haben 2300 Jahre später den griechischen Denker widerlegt und in vielen Einzelfällen das Gegenteil bewiesen: Ein Unternehmen zu “filetieren” und die einzelnen Teile zielgenau so aufzustellen, dass sie andere Unternehmen sinnvoll ergänzen, bringt mehr ein als der Versuch, das Geschäft mittelfristig zu stärken und etwa durch strategische Zukäufe zu entwickeln.

Und wie geht’s weiter?

Bei Infineon ist die Wireless-Sparte jetzt weg, bleiben die Bereiche “Automotive”, “Industrial & Multimarket” sowie “Chip Card & Security”. Diese sollen mit Teilen der Erlöse aus der Transaktion gestärkt und profitabel gemacht werden. Da ist nicht allzu viel Wahrsagekunst erforderlich für die Prognose, dass “Chip Card & Security” als nächster Kandidat auf der Verkaufsliste steht.

Rest-Infineon allerdings steht im Moment gut da, der Automotive-Bereich nimmt teil am Boom der deutschen Automobilhersteller. Beim nächsten “Dip” aber wird die bereits bekannte Frage gestellt werden, ob dieser Unternehmensteil die für eine weitere Teilnahme am Wettbewerb erforderlichen Investitionen überhaupt stemmen kann. Und Firmen wie Bosch und Continental können sich heute schon überlegen, ob sie zumindest diesen Unternehmensbereich integrieren wollen, um so ihre Fertigungstiefe und Kernkompetenzen nicht zuletzt bei den Hybrid- und Elektrofahrzeugen durch einen kompetenten Halbleiter-Hersteller zu erweitern und zu ergänzen.

Einen Moment zurücklehnen und genießen? Ich weiß nicht. Liest man doch schon bei Goethe:

“Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
dann will ich gern zugrunde gehn!”

Das sind dann aber die Worte des Faust, mit denen er den bekannten Vertragsabschluss mit Mephisto bekräftigt.

Geschrieben in Allgemein |

1 Kommentar

  1. der verkauf der wirelesssparte ist nur konsequent. Alleine hätte man es sehr schwer gehabt zu wachsen, als teil von intel und dessen atom-mobile strategie, wird das wesentlich einfacher. Infineon einfach so in einen automotivekonzern zu integrieren geht auch nicht. Das industrialgeschäft ist einfach viel zu wichtig und groß. Und wenn die securitychipsparte verkauft wird, ist das auch nur richtig. Die zeit der großen gemischtwarenläden ist lange vorbei (siehe karstadt;-)). Infineon kann im automotive und industrialbereich mit dem frischen kapital seine exzellente positionen weiter ausbauen. Und seien wir mal ehrlich: was konnte dem durch alte siemensseilschaften verseuchten laden besseres passieren, als ein investor, der da mal zwischenhaut. Den an die alte siemenskuscheligkeit gewöhnten münchner, gefällt das natürlich nicht so…

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