Wie »bio« ist Biosprit?
03.02.2010 von Ralf Higgelke
Gestern wurde ich auf einer Pressekonferenz zum Thema Alternative Energien mit einer Zahl konfrontiert, die mich sehr bewegt hat: Im Jahr 2008 wurden 55 Millionen Tonnen Getreide zu »Bioethanol« verarbeitet.
Was hat mich an dieser Zahl so bewegt? Ich überlegte mir, wie viele Menschen nicht hungern müssten, wenn man diese Menge Getreide zu Nahrungsmitteln wie Brot verarbeiten würde. Für meine Rechnung habe ich angenommen, ein Mensch benötigt etwa 1 kg Getreide pro Tag. Also ließen sich mit den 55 Millionen Tonnen Weizen, die in Autos verbraucht werden, etwa 150 Millionen Menschen ernähren.
Zudem soll laut einer unveröffentlichten Studie des Weltbank-Ökonomen Don Mitchell die Herstellung von Treibstoff aus Pflanzen die Nahrungsmittel weltweit um 75 Prozent verteuert haben. In Brasilien sollen derartige Großplantagen die Kleinbauern vertreiben und sich bis in den Regenwald hineinfressen. Für mich stellt sich wirklich die Frage: Wie »bio« ist Biosprit?
Ich finde: Hier wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.
Was denken Sie? Es würde mich sehr interessieren.
Geschrieben in Allgemein, Automotive |
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Ich verstehe Ihre grundsätzliche Sorge und Ihr Rechenbeispiel mag stimmen, die Realität ist jedoch weitaus komplexer. Hunger gab es auch vor der Einführung von biogenen (dafür steht „bio“ nämlich, nicht für biologisch) Treibstoffen. Ganz konkret stand am Anfang dieser Programme die Verwertung der enormen Getreideüberschüsse in Europa und den USA. Überschüsse, die - übrigens mit viel Steuergeld gestützt (Stichwort Interventionslager, Stichwort Stillegungsprämien) - billig auf den Weltmarkt geworfen wurden und in der Folge die lokale Produktion in vielen Entwicklungsländern unwirtschaftlich machten, die damit abhängig von unseren Exporten sind. Unser Bemühen sollte m. E. nicht sein, Getreide zu verteilen, sondern die lokale Produktion in den betroffenen Ländern zu stärken.
Zur Getreidemenge (vorausgesetzt die Zahl stimmt – Getreide ist ja nicht gleich Weizen, außerdem wird weltweit eher Mais verwendet, etc., etc.). Trotz der unglaublich hoch klingenden Zahlen muß man sie in Relation zum Gesamtverbrauch sehen. In der EU werden 2010 voraussichtlich 2,7 % der gesamten Getreideernte zu Bioethanol verarbeitet, 23 % - Lebensmittel, 8 % - Industrie („weiße Biotechnologie“), jedoch 62% als Tierfutter (= Fleischproduktion), Rest Saatgut. (Quelle: EU Cereal Balance Sheet). Der Anteil für Bioethanol ist also marginal, alleine witterungsbedingt schwanken die Erntezahlen ein Vielfaches. Anders natürlich die Zahlen in den USA, hier gehen ca. 25% der Maisernte in die Treibstoffalkoholproduktion. Allerdings ist dort die Landwirtschaft seit bald 30 Jahren darauf ausgerichtet und die Ernteerträge sind massiv gestiegen (und die USA ist weiterhin der weltweit größte Maisexporteur).
Die „unveröffentlichte“ (was immer das heißen mag) Studie wird sehr gerne falsch zitiert. Es hieß nämlich, daß bis zu 75% der Preissteigerungen auf Biotreibstoffe zurückzuführen sei. Tatsächlich waren Biotreibstoffe insofern schuld, als agrarische Rohstoffe damals in den Fokus von Börsenspekulationen gerieten, da man das große Geschäft witterte. Dabei war die Industrie im Jahr 2008 gar nicht entsprechend ausgebaut und es gab auch keinen tatsächlichen Mangel an Getreide. Beweis: mittlerweile sind die Getreidepreise wieder Nahe dem Ausgangsniveau. Ebenfalls war zu sehen, daß hohe Getreidepreise die Bioethanolproduktion limitieren (mit Anlagenstilllegungen und – in den USA – zahlreichen Konkursen). Schließlich betragen die Rohstoffkosten bis zu 70% der Produktionskosten. Hier auch wieder bemerkenswert: bei Brot sind es nur 5% (der Rest ist Energie, Arbeitszeit, Transport, Handel, …)
Zuletzt noch zu Brasilien: dort wird Bioethanol aus Zuckerrohr hergestellt, nicht aus Getreide. Zuckerrohr wächst nicht in den Regenwaldgebieten sondern südlich davon. Brasilien ist ein riesiges Land: auf die Gesamtfläche gerechnet, wird Zuckerrohr auf nur 2 % der Fläche angebaut. Was allerdings in den Regenwaldgebieten angepflanzt werden kann ist Soja, das wiederum als Tierfutter exportiert wird. Hier ist insofern eine Verbindung mit Bioethanol möglich, als dieser Markt durch die Umlenkung vom Mais als Tierfutter zu Mais als Bioethanol-Rohstoff denkbar ist. Dabei ist jedoch zu beachten, daß ca. 30% des eingesetzten Getreides nach der Alkoholproduktion zu einem hochwertigen Tierfutter verarbeitet werden, also in diesen Markt zurückkehren. Womit wir mitten im komplizierten Thema des „Indirect Land Use Change“ sowie der Nachhaltigkeitskriterien der EU-Biotreibstoff-Richtlinie sind, die solcherlei ausschließt.
Teufel? Beelzebub? Biotreibstoffe können durchaus nachhaltig produziert werden und dabei einen relevanten Beitrag zum Treibstoffbedarf liefern. Der wäre noch viel gewichtiger, wenn wir endlich den Treibstoffverbrauch unserer Autos reduzierten.
-- Katharina -- 04.02.2010 um 14:57 #
Im Ende der sehr interessanten Antwort von Katharina schreibt sie, dass Biotreibstoffe durchaus nachhaltig produziert werden können. Das möchte ich bekräftigen, vor allem wenn diese Kraftstoffe nicht als Konkurrenz zur menschlichen Versorgung aus Lebensmitteln erzeugt werden, sondern aus unseren Haus-, Ernte- und Holzabfällen. Das wären dann Biotreibstoffe der 2. Generation! Die Verfahren dafür existieren bereits seit langem (”Holzvergaser”) und in Zukunft dürften wir deshalb unseren Müll, der voller Energie steckt, abgekauft bekommen. Biotreibstoffe sind im Übrigen die große Zukunftshoffnung der Automobilhersteller, denn das Ende des Erdölzeitalters ist nahe und die als Zukunftslösung gesehenen Elektrofahrzeuge werden eben nicht jede Mobilitäts- und Transportaufgabe erfüllen können. Also werden wir auch zukünftig in einigen Mobilitätsbereichen Verbrennungsmotoren benötigen. Und damit ergibt sich dann auch bei den Biotreibstoffen der 2. Generation wieder eine Konkurrenzsituation: Dr. Wolfgang Steiger von VW hat anlässlich eines Vortrags in Darmstadt vor kurzem die staatliche Förderung von Pelletheizungen als “Verbrechen an der Bevölkerung” bezeichnet. Holzabfälle sollten seiner Meinung nach nicht in Niedrigtemperatur-Heizungen verfeuert werden, sondern zu hochenergetischen Trägern, eben Biotreibstoffen, umgewandelt werden. Da spricht natürlich der Beschäftige einer Automarke, Pelletheizungshersteller dürften es anders sehen. Es zeigt uns aber, dass, egal um welche Energieform es geht und egal aus was sie erzeugt wird, es in Zukunft zu Verteilungskonflikten kommen wird.
-- Rolf -- 02.03.2010 um 15:28 #