Login  |   RSS

jwuertenbergT5 oder die VW-Bus-Evolution

15.12.2009 von jens würtenberg

Gestern ging es mit gemischten Gefühlen zum LCP (local car provider). Wir mussten unsere Reisepläne ändern und hatten rasch noch einen Wagen der Polo-Klasse reserviert. Aber Anzahl und Umfang der mitzunehmenden Gegenstände nahmen in den zwei Tagen bis zur Abreise so stark zu, dass in dem Kleinwagen wohl nur die Hälfte des Lastenanfalls untergekommen wäre. Aber unser LCP zeigte sich mal wieder von seiner besten Seite. »Heute«, sprach der freundliche junge Mann, »können Sie mal ein paar Leute mehr mitnehmen«. Vor der Tür stand der VW-Bus-Nachfolger T5 mit 1,9-l-Diesel-TDI-Motor, der 77 kW leistet.

Der T5 ist ein rauer Geselle. Schon beim Anlassen brummt das Aggregat entschlossen und beim Losfahren ist es wieder da: Das gute alte VW-Käfer-Feeling mit dem deutlichen Ruck nach vorn. Der sollte ja mal durch Deutschland gehen (Herzog), aber jetzt haben die Banken alles verspielt. Daher: zurück in die Vergangenheit (nicht in die Zukunft). Es ging einst die Mär, dass der Renault R4 erhebliche Probleme mit den Vorderrad-Antriebswellen habe, allerdings nur in Deutschland. R4-Fahrer versuchten offenbar, beim Ampelstart hinter den VW-Käfern nicht allzu sehr zurückzubleiben, was zu einem erheblichen Verschleiß an den Kardangelenken der Antriebswellen führte. Die Renault-Werkstätten in Frankreich hingegen meldeten der Sage nach kaum Schäden am homokinetischen Vorderachsgelenk.

Der Kampf um die Alleinstellungsmerkmale

Die Designer des T5 haben sich Mühe gegeben, das von einem Berufskraftfahrer gewünschte Ambiente im Cockpit hinzukriegen. Am besten ist dies gelungen bei dem Radio, das wie ein Einbauradio aus den 1970er Jahren gestaltet ist. Auch hier werden Erinnerungen wach, etwa an einen Besuch in Mailand, wo Herren in hellen Anzügen abends durch die Stadt promenierten und dabei ihr ausbaufähiges Kofferradio am Bügel spazieren trugen. Der Standardschacht ist längst Geschichte, aber die Autoindustrie hätte gut daran getan, diesen beizubehalten. Dort hätten sich in einfacher Weise die neuesten Geräte integrieren lassen, die sich der Käufer eines Jahreswagens heute getrost abschminken kann. Etwa ein topaktuelles Navigationsgerät oder ein RDS-Autoradio mit Dockingstation für den iPod oder einen PC mit ausklappbarem Display und schnellen USB-Ports, an die sich die neuesten WLAN- oder UMTS-Sticks anschließen ließen. Das ist das Dilemma der OEMs: Im Kampf um Marktanteile sind Alleinstellungsmerkmale wichtiger als die Einigung auf Standards, die dem Kunden einen Nutzen brächten. So ein Standardschacht könnte das Problem der unterschiedlich langen Produktlebenszyklen von Automobiltechnik und Elektronik durchaus wirksam beheben.

Bayern verlassen

Aber zurück auf die Autobahn. Die Fahrt darauf gestaltet sich am späten Freitagabend entspannt und ohne weitere Aufregung. Hinter der rot leuchtenden Allianz-Arena - heute abend spielen die Bayern - lassen wir die bis Würzburg letzte Baustelle hinter uns. Dann allerdings geht es durch den Spessart nur noch mühsam voran. Der bayrischen Landesregierung ist ja daran gelegen, dass Bürger und Besucher das schöne Bayern nur unter größten Anstrengungen verlassen können. Stimmt nicht? Wer den 40 Jahre dauernden Prozess des Umbaus der B 18 von München bis Lindau zur A 96 teilweise miterlitten hat, »wundert sich über jarnischt mehr«. Das letzte unfertige Teilstück der Verbindung des Freistaats zur Enklave am Bodensee zwischen Wangen-Nord und Leutkirch-Süd liegt allerdings auf baden-württembergischen Territorium. Vielleicht aber liegt hier ein Amtshilfeersuchen des bayrischen Verkehrsministeriums vor. Auch die Fahrt von München nach Stuttgart auf der A8 am Freitagnachmittag ist und bleibt eine Nervenprobe. Bis Augsburg geht es über die mit 37 km längste Autobahnbaustelle Deutschlands, der Ausbau auf sechs Spuren soll laut Plan im Dezember 2010 beendet sein. Danach geht der Ausbau weiter bis Ulm, mit der Fertigstellung ist dann 2014 zu rechnen.

Dass die Bahnstrecken nach Stuttgart, Frankfurt und Zürich immer noch nicht für hohe Geschwindigkeiten ausgebaut wurden, zeigt die Plausibilität der oben aufgestellte These. Zudem endet die Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Norden in Nürnberg, die Fahrt durch den Steigerwald bis Würzburg bewältigen die für Spitzengeschwindigkeiten bis 300 km/h ausgelegten High-Tech-Züge im Zuckeltrab mit Tempo 120 (höchstens). Erst von dort braust dann der ICE mit Karacho bis nach Hamburg, das aber bereits seit 1991.

80 Liter Diesel im Tank

Zurück zum T5. Das Raumangebot im T5 ist natürlich riesig. Mit wenigen Handgriffen lässt sich die hinterste Sitzbänke nach vorn »falten«, es ensteht eine Ladefläche, auf der sich die gesammelten Lasten ohne weiteres unterbringen ließen. Die langen Gardinenstangen wurden unter den Sitzen durchgeschoben, Koffer und Taschen fanden ihren Platz auf der mittleren Sitzbank. Diese lässt sich übrigens mit wenigen Handgriffen und ohne Verletzungsgefahr ausbauen, allerdings werden für das Forttragen dann doch zwei Personen benötigt.

Die Sitzposition ist Lkw-like, dem Fahrer wird das spezielle VW-Bus-Feeling geboten. Dies besteht auch darin, dass der Fahrer praktisch über dem Vorderrad sitzt. Bei einem Wendemanöver scheint dadurch das knapp 5 m lange Fahrzeug einen vergleichsweise kleinen Wendekreis zu besitzen, aber es sind immerhin doch 11,80 m, also so groß wie bei beim 500er Mercedes. Das Fahrwerk selbst stellt den Fahrer nicht vor Probleme, allerdings liefern Autobahnfahrten keine Erfahrungswerte, an Hand derer Handhabung, Wendigkeit, Lenkverhalten etc. beurteilt werden könnten. Aber das ganze Gefährt ist stabil, trotz des hohen Aufbaus treten keine Schwankbewegungen auf, und empfindlich gegen Seitenwind ist der T5 auch nicht.

Nur der Besuch an der Tankstelle lässt in dem Fahrer ein ungutes Gefühl entstehen. Trotz moderater Fahrweise drückt der Turbo-Kompressor beim VW-Bus-Nachfolger auf 100 km fast 9 Liter Diesel durch die Einspritzdüsen. An der Tankstelle wollte ich zunächst nicht glauben, dass jetzt 60 Liter in das Auto gelaufen waren, aber der Blick in die Bedienungsanleitung widerlegte die Vermutung einer manipulierten Zapfsäule: 80 Liter beträgt der Tankinhalt laut Datenblatt. Also, zähneknirschend zur Kasse. Immerhin konnte dort der Bon mit den Fünffach-Punkten für die Payback Card optimal eingesetzt werden.

Geschrieben in Automotive |

Einen Kommentar abgeben

Bitte beachten Sie: Die Kommentare werden moderiert. Dies kann zu Verzögerungen bei Ihrem Kommentar führen. Es besteht kein Grund den Kommentar erneut abzuschicken.