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jwuertenbergEin Kombi aus dem Premium-Segment

26.10.2009 von Jens Würtenberg

Kombi klingt irgendwie ungut, daher haben sich die OEMs, so nennen sich die Automobilhersteller mittlerweile selber, klingende Bezeichnungen für ihre Nützlichkeitsvarianten ausgedacht. Bei BMW heißen diese »touring«, bei Opel hinwiederum »Caravan« und bei Volkswagen seit den Zeiten des legendären 1500ers »Variant«. Für den Autovermieter spielt das alles keine Rolle, er führt die praktischen Familienkutschen unter der Bezeichnung »Standard-Kombi« im Programm. Heute wird uns bei der Anmietung der »Schlüssel« zu einem 3er-BMW-touring überreicht, das Signum der Herrschaft über die 130 kW des 2-l-Dieselmotors ist ein Mini-Mars-Riegel ähnliches Gebilde, das vor dem Anlassen in den passenden Schlitz neben dem Lenkrad geschoben werden muss.

Der uns heute überlassene Leihwagen bietet die »Premium-Ausstattung«, in der u.a. ein Navigationsgerät enthalten ist. Einer, der weiß, woher er kommt, und wohin er geht, benötigt so etwas natürlich nicht, aber praktisch ist es eben doch. Premium ist neben dem »Navi« wohl auch das über die ganze Länge gehende Glasdach, das sich in zwei Segmenten öffnen lässt. Wegen des Dauerregens unterblieb eine genaue Untersuchung der Wirkungsweise. Die Zieleingabe für das Navigationsgerät wiederum geschieht über den Drehknopf des seinerzeit viel gerühmten »iDrive«. Hat man die Funktionsweise erst einmal verstanden, wird dieser zusammen mit dem Display zur informationstechnischen Schaltzentrale. Der Fahrer eines Leihwagens hat allerdings wenig Neigung, sich in den Tiefen einer Menüstruktur zu verlieren, um irgendetwas zu optimieren. Große Knöpfe mit klarer Beschriftung sind ihm da schon lieber. Auch hier kann BMW punkten: Anlassen und Ausschalten des Aggregats geschieht mit einem ordentlich großen Druckknopf, der, anders als bei Windows XP, zwar englisch aber richtig beschriftet ist, nämlich mit »Start/Stop«.

Böse Zungen behaupten, dass BMW mit seiner 3er-Baureihe versucht, den Kraftstoffverbrauch durch eine Minimierung der Querschnittsfläche niedrig zu halten. Der Kraftstoffverbrauch lag bei den - wegen des schlechten Wetters an diesem Wochenende - moderat gefahrenen insgesamt 1000 km auf der Autobahn bei 6,6 l/100 km. Diesel! Damit liegt der Wagen trotz hoher Motorleistung gut im Rennen um niedrige CO2-Emissionen. Der Preis dafür ist eben, dass sich der Fahrer unter leichten Verwindungen tief in den Ledersitz fallen lassen muss. Sportliches Fahren hat eben zuerst damit zu tun, irgendwie hinter den Volant zu gelangen. Die niedrige Silhouette des Fahrzeugs löste bei der Anmietung zudem eine gewisse Sorge aus: »Reicht der Stauraum überhaupt für unseren ganzen Kram?« Überraschenderweise reichte er: Bei umgelegten Rücklehnen zeigt sich eine glatte Ladefläche mit ausreichender Länge und wir sind sicher, dass wir alles unterbringen, auch das Schränkchen und die Stühle. Die Traverse für das Abdeckrollo ist mit zwei Handgriffen gelöst, dann folgt die Überraschung: Das Teil ist gefühlte 20 kg schwer und konterkariert damit die Anstrengungen der BMW-Karosserie-Konstrukteure, durch eine Leichtbau-Karosserie mit Strebenkonzept ein »Höchstmaß an Sicherheit für den Fahrer und seine Passagiere zu gewährleisten, ohne Dynamik und Komfort zu beeinträchtigen« (O-Ton BMW).

Das Automobil als Kokon

Die Fahrt führt erst durch die Innenstadt und dann auf die Autobahn. Trotz der niedergehenden Regenschauer bleibt die Sicht stets ausgezeichnet: Das Gebläse hält die Scheiben frei, die Scheibenwischer funktionieren, die beiden Außenspiegel erlauben einen guten Überblick auf das Geschehen hinten. Fahrten in modernen Automobilen unterscheiden sich doch von denen, die ich vor 40 Jahren im 2 CV erlebte. Damals musste ich bei solchen Wetterverhältnissen mit Hilfe eines geschickt angebrachten Bindfadens dem zu schwach ausgelegten Scheibenwischermotor der »Ente« Hilfestellung geben.

In der Handhabung ist das Fahrzeug ohne Tadel: Die Lenkung wirkt direkt, der Wendekreis ist wegen des Hinterradantriebes vergleichsweise klein, und die Federung ist straff, aber nicht hart. Allerdings ist mir persönlich der aggressive Einsatz der Leistung beim Höherdrehen des Motors nicht angenehm. Aber damit bietet der Münchner Automobilhersteller seinen Kunden nun mal das besondere Fahrgefühl. Zur Unterstützung ist das Automatikgetriebe schaltbar. Ein kleiner Ruck am Vorwahlhebel der Automatik hin zum Fahrer, und dieser mutiert zum Schaltknüppel. Mechanisch zu kuppeln ist allerdings nicht möglich, aber darauf wird ja in der Formel 1 auch schon lange verzichtet. In dem Auto fühlt man sich durch die niedrige Sitzposition stets sicher. Der damalige Chefredakteur der »Elektronik automotive«, Günther Klasche, schrieb dermaleinst über das »Automobil als Kokon«, das dem Fahrer eine Art schützender Hülle bietet und mit seinen elektronischen Hilfssystemen stets darauf bedacht ist, ihn komfortabel reisen zu lassen, Unfälle proaktiv zu verhindern oder zumindest deren Folgen so gering wie möglich zu halten.

Zum Abschluss eine kleine Anekdote: Ein Bekannter musste nach der Geburt seines ersten Kindes seinen geliebten 3er-BMW-Zweitürer gegen die Kombi-Variante umtauschen: Der Kinderwagen passte nicht in den Kofferraum, und das, so die junge Mutter, »ging ja nun gar nicht«. Beim Kombi aber gelingt der Spagat mühelos: Man kann mit dem Touring nicht nur mit hohen Dauergeschwindigkeiten komfortabel reisen oder »sportlich um die Ecken wetzen«, sondern als Besucher dem Gastgeber auch mal was Größeres mitzubringen: Ein kleineres Partyzelt und zwei Biertisch-Garnituren müssten eigentlich reingehen.

Geschrieben in Automotive |

2 Kommentare

  1. Niemand bezweifelt dass BMW mit seinen Automobilen Erfolg verzeichnet. Ob das aufgrund aggressiven Designs und meiner Meinung nach ziemlich überzogener und fehlerträchtiger Technik der Fall ist mag hier einmal dahin gestellt sein. Das merkt man erst wenn der Wagen in die Tage kommt (das iDrive ist nun wahrlich keine Meisterleistung, auch nicht nach noch so langer Bedienung). Interessant ist auf jeden Fall dass man BMW mit Opel und VW vergleicht anstelle mit Mercedes oder gar Audi. Hier würde es BMW erheblich schwerer fallen Punkte zu sammeln.

  2. Lieber Andreas,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Allerdings liegt hier ein Missverständnis vor: Meine Beiträge zum Blog im Elektroniknet sind keine Testberichte, sondern lediglich Eindrücke von Wochenendfahrten mit Leihwagen. Die Idee zu dieser kleinen Serie von Fahrberichten kam daher, weil ich bei meinem Autoverleiher bis auf eine Ausnahme jedesmal ein anderes Fahrzeug erhielt. Ein Mercedes oder Audi war bislang nicht dabei.

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