Besser Baggern mit REACH

Ungeahnte Möglichkeiten und hohes Potenzial schlummern in der neuen Chemikalienverordnung REACH - ein Seitenblick.

Sie ärgern sich, weil REACH Ihnen in Zukunft eine Menge Mehrarbeit in Form von Registrierung, Recherche und Durchforstung von Datenbanken bescheren wird? Weil Ihnen die neue EU-Richtlinie - nachdem Sie RoHS gerade hinter sich gebracht haben - nun auch noch zumutet, Ihre Nichtbetroffenheit nachzuweisen, falls Sie nicht betroffen sind? Ärgern Sie sich nicht - denn in REACH schlummern ungeahnte Möglichkeiten. Von den insgesamt 18.167 Verordnungen und 750 Richtlinien, die die EU zwischen 1998 und 2004 auf den Weg gebracht hat, hebt sich REACH deutlich ab. REACH ist gewissermaßen Socializing auf höchstem Brüsseler Niveau! Ja - Sie haben richtig gehört. Anders als bei RoHS, wo die Elektronikbranche gewissermaßen allein auf weiter Flur stand, sind von REACH wirklich alle Branchen und Wirtschaftssektoren betroffen - und das schafft Verbindungen.

REACH liefert Ihnen beliebig viele Smalltalk-Möglichkeiten und Anknüpfpunkte mit Kolleginnen aus Branchen, die Ihnen bislang bestenfalls aus der Lektüre beim Friseur bekannt waren. Ein Beispiel? Sie treffen in der Business-Lounge des Flughafens auf eine attraktive Dame, deren Handygespräche sie zweifelsfrei als Produktmanagerin eines großen Kosmetikkonzerns entlarven. Bislang konzentrierten Sie sich in so einem Fall weiter auf Ihre Markt&Technik-Lektüre, da Sie in diesem Metier beim besten Willen nichts bieten konnten. Aber durch REACH schlägt nun Ihre Stunde: Denn bis 2019 (okay - die haben mehr Zeit) müssen laut REACH nun auch mehr als 10.000 Kosmetik-Chemikalien auf Hautirritationen getestet werden. Da können Sie doch anknüpfen! Da lässt sich doch was draus machen! Jetzt sind Sie nicht mehr nur der Ingenieur, der »irgendwas mit Elektronik« macht. Gleichzeitig verbietet die EU-Kosmetikdirektive von 2009 an den Gebrauch von Versuchstieren für solche Tests. Europäische Tierschützer befürchten durch die EU-Chemikalienpolitik das größte Massenvergiftungsprogramm für Tiere in Europas Geschichte und prophezeien den Vergiftungstod von mindestens 45 Millionen Wirbeltieren in den nächsten 15 Jahren. Und da REACH genau vorgibt, wie welcher Tierversuch ablaufen soll, welche Tierart, Anzahl und Menge an Substanzen getestet wird, reicht auch hier ein profundes Halbwissen aus, um aus Ihrer REACH-Kompetenz Kapital zu schlagen: Bei Ihrer neuen Kollegin mit Katze, die bislang all ihren Näherungsversuchen standgehalten hat, können Sie nun so richtig punkten. Eröffnen Sie dem Frauchen doch einfach bei einer Tasse Kaffee, dass Tests an Katzen durch REACH definitiv nicht mehr vorgesehen sind und ihr kleiner Kuschler für Tierfänger damit erheblich an Wert verlieren
dürfte. Sie sehen also: REACH ist ganz anders als alle bisherigen Direktiven und Richtlinien. Vielleicht haben die Bürokraten in Brüssel gar nicht so sehr an die Sicherheit im Umgang mit Chemikalien gedacht, als sie REACH erfanden. Vielleicht wollten sie einfach nur, dass Europa noch etwas näher zusammenrückt.