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Kommentar zu Industrie 4.0: Goldgräberstimmung im Land der Ingenieure? Fehlanzeige!

Noch ist Industrie 4.0 eine Vision. „Wir sollten schleunigst anfangen, uns über zukünftige Geschäftsfelder ganz konkrete Gedanken zu machen«, sagt Dr. Mathias Döbele, Branchenexperte für Industrie 4.0 bei Dr. Wieselhuber & Partner.

Wieselhuber Industrie 4.0 Bildquelle: © Dr. Wieselhuber&Partner
Dr. Mathias Döbele, Dr. Wieselhuber&Partner.

Für uns Ingenieure ist Technologieentwicklung eine tolle Sache. Insbesondere dann, wenn sie Teil eines zukunftsweisenden - sogar staatlich geförderten - Projekts mit einer überaus ambitionierten Vision ist und wenn sie nicht durch kreativitätseinengende Randbedingungen wie Zielkosten oder ähnliches getrübt wird.

Unter dem Titel „Industrie 4.0“ wurden in jüngster Vergangenheit einige Technologieprojekte ins Leben gerufen, die das ehrenwerte Ziel verfolgen, den Produktionsstandort Deutschland für die nächsten Jahrzehnte zu sichern und gleichzeitig die Führungsrolle des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus zu bewahren.

Um die Initiativen zur Erreichung dieses Ziels anzustoßen, war sicherlich der hochtrabende Titel „Vierte industrielle Revolution“ dienlich – auch wenn inzwischen Einigkeit besteht, dass aus technologischer Sicht eher von einer Evolution zu sprechen ist.

Doch was sagen eigentlich die zukünftigen Anwender der Industrie 4.0-Technologien und wie werden Produkte aussehen, die die Revolution verkörpern?

Hierzu ist es im Augenblick noch recht still im Land der Ingenieure. Die Entwicklung vom Status Quo bis hin zur fernen Vision scheint noch nicht ganz greifbar oder gar verstanden.

Warum? Die technologische Entwicklungsagenda ist aus den technischen Möglichkeiten sowie aus dem Ist- und dem Ziel-Zustand zwar relativ leicht ableitbar. Die Zukunft der Produkte und damit auch mögliche Geschäftsmodelle sind jedoch kaum auszumalen,  weil sich ihre Entstehung deutlich von den Möglichkeiten der Basistechnologien abhebt. Ebenso wenig waren etwa Geschäftsmodelle à la Facebook oder Twitter mit Einführung des TCP/IP vorhersehbar.

Wir sollten also anfangen uns über zukünftige Geschäftsfelder ganz konkrete Gedanken zu machen. Die große Herausforderung dabei: Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist es gewohnt, Produkte bzw. Verfahren – um die es hier ja eher geht – in enger Abstimmung mit den Kunden zu entwickeln.

Zum Thema Industrie 4.0 kommen von den Kunden allerdings noch wenige Impulse. Die Situation gestaltet sich ähnlich der, in der sich Henry Ford befand, als er sagte: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“

Gefragt sind also unternehmerischer Mut und echt innovative Ansätze auf der Produkt- und Geschäftsmodellseite.

Auf keinen Fall dürfen wir zulassen, dass wir dank unserer weltweit anerkannten deutschen Ingenieurskunst zwar die Technologien entwickeln, aber die Geschäfte anderen überlassen. Denn damit könnten wir vielleicht die Produktion in Deutschland sichern, aber der Maschinen- und Anlagenbau würde als großer Verlierer dastehen.