Powerlink als Open Source: Offenheit in letzter Konsequenz

Anton Meindl, Vorstand der EPSG, und Siegmar Schmidt, Geschäftsführer von Sys Tec electronic, erläutern im Interview, was sich in der Automatisierungswelt ändert und welche Vorteile die neue Lizenzregelung für Hersteller und Anwender bringt.

»Open Source« ist ursprünglich ein Begriff aus der Linux-Welt. Doch jetzt hält das Modell auch Einzug in die Welt des industriellen Ethernet: Sys Tec electronic, Mitglied der Nutzerorganisation EPSG (Ethernet Powerlink Standardization Group), hat seine Echtzeitprotokoll-Lösung für Powerlink unter die BSD-Lizenz (Berkeley Software Distribution) und damit weltweit zur öffentlichen Verfügung gestellt.

Markt&Technik: Herr Schmidt, gerade hat Ihr Unternehmen einen selbstentwickelten Powerlink-Stack unter Open-Source-Lizenz gestellt. Nutzer können sich nun die Software kostenlos aus dem Internet herunterladen. Jetzt, wo Sie Ihr Produkt verschenken: Wie wollen Sie eigentlich in Zukunft Ihr Geld mit Powerlink verdienen?

Siegmar Schmidt: Genauso, wie wir auch vorher unser Geld verdient haben: mit Produkt- und Software-Entwicklungen sowie Dienstleistungen und Beratung für Kunden, die Automatisierungs-Lösungen nachfragen. Aber ich weiß natürlich, worauf Sie hinaus wollen. Nach wie vor sind viele Menschen verblüfft, wenn sie aus dem Mund eines Geschäftsmanns das Wort »kostenlos« hören.

Viele unserer Zeitgenossen, die sich noch nicht näher mit Open-Source-Modellen beschäftigt haben, denken dann immer noch, dass das nicht ganz mit rechten Dingen zugehen kann. Dabei steht heute hinter freier Software einfach nur ein anderes, aber sehr tragfähiges Geschäftmodell. Im Wesentlichen geht es um eine Win-Win-Situation für Hersteller und Kunden, bei der aber der Kunde große Unabhängigkeit vom Lieferanten genießt.

Anton Meindl: Ich möchte kurz die Begriffe klären, um uns Missverständnisse zu ersparen. Mit dem Begriff der »freien Software« wollten seine Urheber nicht ausdrücken, dass alles immer »gratis« ist, sondern sie verwendeten »frei« im Sinne von »uneingeschränkt«, »nicht-proprietär« und vor allem »freier Zugang zum Quellcode«. Um diesen Unterschied deutlicher zu machen, bevorzugten sie irgendwann die Bezeichnung »Open Source«. Zu keinem Zeitpunkt war also gemeint, dass man mit freier Software kein Geld verdienen dürfe.

Die EPSG hat doch immer damit geworben, dass Powerlink ein »offenes« Protokoll ist. Was ist denn mit »offen« gemeint und was mit »frei«?

Meindl: Im Jahr 2002 hat sich B&R entschlossen, die Spezifikation für Powerlink offenzulegen. Das war der Startschuss zur Gründung der Nutzerorganisation EPSG, die beschlossen hat, die CANopen-Mechanismen vollständig in das Protokoll zu integrieren. Daraus ist das heutige Powerlink entstanden, das wir ja auch als »CANopen over Ethernet« bezeichnen.

In der Spezifikation ist aber nur festgelegt, welche Funktionen die Software umfasst, beispielsweise die CANopen-Integration, und was sie leisten muss. Jeder kann nach den Anforderungen, die in der offengelegten Powerlink-Spezifikation definiert sind, seine eigene Software-Lösung programmieren. Im Fall der freien Software aber wird der Quellcode einer bereits umgesetzten Lösung offengelegt, den dann jeder nach Belieben verwenden kann.