Ist Open-Source immer Trumpf?

Ein Trend in der industriellen Automatisierung ist Open-Source. Dr. Carsten Emde, Geschäftsführer der OSADL (Open Source Automation Development Lab), im Interview über die Vor- und Nachteile von proprietären und Open-Source-Ethernet-Protokoll-Stacks.

Open-Source-Software verbreitet sich in der industriellen Automatisierung zunehmend. Aufsehen erregte beispielsweise die Veröffentlichung des Powerlink-Protokoll-Stacks »openPowerlink« durch Sys Tec electronic als Open-Source auf der letztjährigen Hannover-Messe. Die Organisation OSADL gestaltet die Entwicklung von Open-Source-Software für den Maschinenbau und die Automatisierungsindustrie maßgeblich mit.

Markt&Technik: Welche Auswirkungen hat die Existenz von Open-Source-Powerlink-Stacks auf den Markt für proprietäre Powerlink-Stacks?

Dr. Carsten Emde: Die Existenz von Open-Source-Powerlink-Stacks hat nicht unbedingt Auswirkungen auf den Markt für proprietäre Powerlink-Stacks. Es handelt sich um unterschiedliche Geschäftsmodelle, die durchaus koexistieren können.

Welche Konsequenzen ergeben sich für Anbieter proprietärer Powerlink-Stacks durch die Open-Source-Konkurrenz?

Die neue Konkurrenz hat für sie nicht unbedingt Konsequenzen. Wenn ein Anbieter eines proprietären Powerlink-Stacks sich dafür entscheidet, ihn als Open-Source bereitzustellen, so betrifft dies in erster Linie die kommerzielle Zusammenarbeit mit seinen Kunden, d.h. auf welcher Basis die Leistung des Software-Unternehmens bezahlt wird. Bei proprietärer Software erfolgt die Bezahlung häufig nach der Anzahl erworbener Lizenzen, bei Open-Source-Software beruht die Bezahlung in der Regel auf der erbrachten Dienstleistung. Alles andere kann aber unverändert bleiben.

Welche Vor- und Nachteile haben Open-Source-Stacks gegenüber proprietären Stacks für den Anwender?

Durch Open-Source wird vieles einfacher. Die ganze Geheimniskrämerei mit dem Quellcode fällt weg, es sind keine komplizierten individuellen Lizenzklauseln mit notarieller Quellcode-Hinterlegung und unangemeldeten Betriebskontrollen mehr nötig, und nichtfunktionierende Dongles, abgelaufene Lizenzschlüssel, verlorene Lizenzaufkleber usw. gehören der Vergangenheit an. Auch die Insolvenz eines Software-Anbieters hat bei Open-Source weniger dramatische Folgen für den Anwender. Außerdem vereinfacht Open-Source im Fehlerfall die Kommunikation zwischen Software-Anbieter und Anwender stark.

Weil der Quellcode verfügbar ist, kann man viel flexibler gemeinsam Fehler analysieren und Korrekturen anbringen. Natürlich ist auch ein entscheidender Vorteil, dass Open-Source es den Kunden ermöglicht, die Software zusammen mit anderen Anwendern weiterzuentwickeln und zu perfektionieren; die Koordination und der finanzielle Ausgleich bei dieser Tätigkeit sind wesentliche Funktionen des OSADL.

Wer aber Maschinenbauer fragt, warum sie sich für Open-Source entschieden haben, wird wohl am häufigsten die Antwort hören, dass man sich aus der Sandwich-Position zwischen Lieferant und Kunde befreien möchte. Denn bei proprietärer Software, speziell bei proprietären Betriebssystemkomponenten, muss der Maschinenbauer seinem Kunden etwas versprechen, was sein Lieferant möglicherweise nicht halten kann oder will.