Neue Geschäftsmodelle »Industrie 4.0 vernichtet keine Arbeitsplätze!«

Welche Rolle spielt der Faktor Arbeit in den Geschäftsmodellen der Industrie 4.0? (Wie) werden sich bisherige Rollenbilder im Unternehmen verändern? Kostet die Industrie 4.0 am Ende Arbeitsplätze?

Diese Fragen waren auf der Hannover Messe ganz nach deren Leitmotto »Integrated Industrie – next Steps« Gegenstand zahlreicher Veranstaltungen und Diskussionsrunden: »Die Industrie 4.0 wird neue Geschäftsmodelle entstehen lassen, ähnlich revolutionär wie es bei Online-Buchläden für den Buchhandel war«, sagt Bitkom-Experte Wolfgang Dorst, Leiter des Arbeitskreises Industrie 4.0.

Das Szenario einer komplett durchrationalisierten Fabrik ganz ohne Arbeitskräfte malte Dr. Sebastian Schlund vom Fraunhofer IAO zwar nicht an die Wand. Aber dass Produktionsmitarbeiter wie auch Höherqualifizierte eingespart werden könnten, dafür sorge schon der Produktivitätsgewinn.

Das müsse aber nun nicht zwangsläufig zu Personalabbau führen, so Schlund, sofern es denn gelänge, die eingesparten Mitarbeiter auf neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze umzuziehen.

Eine Studie der Oxford Martin School von der Oxford University (erstmals zitiert von Technology Review) aus dem vergangenen Jahr wird da konkreter. Wenn Maschinen intelligenter werden, könnten nicht nur Mitarbeiter am Band, sondern auch Bürojobs und weitere Berufe mit mittlerem Einkommen überflüssig werden.

So sollen der Prognose „The Future of Employment“ zufolge zumindest in den USA 47 Prozent aller Jobs in naher Zukunft der Automatisierung zum Opfer fallen. Computerprogramme und Roboter übernehmen überall dort, wo wenig Feinmotorik, Originalität, Empathie, Verhandlungsgeschick und Überzeugungskraft gefordert werden. Am ehesten in Logistik und Transport sowie im Büro, Verkauf und in der Verwaltung, zitiert Technology Review.

»Industrie 4.0 hat das Zeug dazu, unsere industrielle Wertschöpfung so zu revolutionieren, wie das Internet die Wissensarbeit«, bestätigt Prof. Wilhelm Bauer vom Fraunhofer IAO. Sein Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) legte zur Hannover Messe eine Studie vor, der zufolge in den nächsten zehn Jahren das Produktivitätsplus durch Industrie 4.0 rund 78 Milliarden Euro betragen könne, branchenübergreifend in Auto- und Maschinenbau, Chemie, Landwirtschaft und Elektro- und Informationstechnik.

Das müsse aber nun nicht zwangsläufig zu Personalabbau führen, unterstreicht Schlund, sofern es denn gelänge, die eingesparten Mitarbeiter auf neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze umzuziehen. Hier stellt sich allerdings die Frage, wie genau diese neuen Geschäftsmodelle denn aussehen sollen.

Dr. Jochen Schlick, Leiter Zukunftsfeld Cyber-Physische Systeme bei der Wittenstein AG, hat dazu eine interessante Antwort parat. Er nennt ein Beispiel, wie Industrie 4.0 seine eigene Firma verändern werde: Vorbei die Zeit, dass an ein Produkt ein Haken gesetzt werden könne, sobald es die Fabriktore verlassen hat.

Das physikalische Produkt sei künftig um eine Cyberkomponente ergänzt. In Zukunft, so malt der Experte aus, bleibe man als Hersteller von Antrieben mit seinem Produkt lebenslang virtuell verbunden, erhalte Informationen über seinen Zustand, was völlig neue Service-Geschäftsmodelle bereit halte.

Schon jetzt ist der After-Sales und Servicebereich für viele Industrien ein sehr lukratives Geschäft. So erwirtschaftet zum Beispiel die Autoindustrie zum Teil mehr Umsatz mit dem After-Sales als mit dem Absatz von Neuwagen. Könnte die Industrie 4.0 diesen Ansatz ausbauen, so würden neue Arbeitsplätze entstehen. »Industrie 4.0 vernichtet keine Arbeitsplätze«, davon ist Schlick überzeugt. Sehr wohl aber würden Medienbrüche reduziert werden, IT-Systeme besser vernetzt und damit Prozesse flüssiger. Sebastian Schlund sieht zudem die Chance, die demographisch bedingt knapper werdenden Hochqualifizierten von zeitraubenden Tätigkeiten zu entlasten, damit sie mehr Entwicklungsarbeit leisten können. Eine Maßnahme, um die vorhandenen, knapper werdenden Fachkräfte effizienter einzusetzen.

Nach Ansicht von Dr. Bernd Haeuser, zuständig für die Fertigungs-IT Er wird der Produktionsarbeiter derjenige sein, der die Fäden zur Prozessverbesserung weiterhin in der Hand hält. Sensorik werde einen denken und handelnden - und damit lernenden Menschen – nicht ersetzen können. Conclusio: »Der Mensch wird in diesem Prozess eher an Gewicht gewinnen«, so der Bosch-Manager. Um die Belegschaft über etwaige „Motivationshürden“ mitzunehmen, existieren bei Bosch laut Haeuser aktuell rund 50 Pilotprojekte zu Industrie 4.0. Was sich als nützlich erweisen werde, werde in Folge über relevante Bereiche ausgedehnt.

Den klassischen Feind-Part will übrigens auch die Gewerkschafterin Dr. Constanze Kurz, Ressortleiterin Ressort Zukunft der Arbeit und zweite Vorsitzender im Vorstand der IG Metall, nicht spielen. Arbeitsplatzverluste im großen Stil, diese Ängste schürt sie nicht. Sondern mahnt zur positiven Betrachtung: etwa das Verbesserungspotenzial für die eintönige Arbeit in der Großserienproduktion. »Industrie 4.0 muss und wird auch eine Umorganisation der Arbeitsstrukturen beinhalten«, davon ist sie überzeugt.