Das Büro zum Vorbild

Die Berücksichtigung ergonomischer Vorgaben gilt bei der Arbeitsplatz-Ausstattung im Büro als Selbstverständlichkeit. Bei der Auslegung von Mensch-Maschine-Schnittstellen im industriellen Umfeld hingegen fehlen bislang die entsprechenden Normen.

Die Berücksichtigung ergonomischer Vorgaben gilt bei der Arbeitsplatz-Ausstattung im Büro als Selbstverständlichkeit. Bei der Auslegung von Mensch-Maschine-Schnittstellen im industriellen Umfeld hingegen fehlen bislang die entsprechenden Normen.

Beim Thema Ergonomie geht es primär um die Arbeitssicherheit, daneben aber auch um eine Vielzahl unterschiedlichster Faktoren – von einer ermüdungsfreien Auslegung des Arbeitsplatzes über Ein- oder Ausgabesysteme wie Tastaturen oder Bildschirme, deren Bedienung und Erkennung einfach und eindeutig ausfallen muss, bis zur optimierten Beleuchtung.

Kein Problem im Büro-Bereich, der als Vorreiter für normierte Ergonomie am Arbeitsplatz gelten darf. Die „Mutter aller Normen“ ist hier die seit 1983 gültige DIN 33400. Sie befasst sich mit der Gestaltung von Arbeitssystemen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und definiert allgemeine Leitsätze und Begriffe für die Ergonomie. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl klar definierter DIN- beziehungsweise EN-Normen, mit denen verschiedenste Einsatzfelder geregelt sind. So gibt es zum Beispiel Normen für Sitzarbeitsplätze, Schreibtische, Büromaschinentische und Bildschirmarbeitsplätze; Aspekte wie Sitzhöhe, Beleuchtungsgrad oder Neigung und Reflexionsgrad der Arbeitsplatte sind bis ins letzte Detail abgestimmt.

Weniger klar fallen hingegen die Ergonomie-Vorgaben für Arbeitsplätze im Industrie-Bereich aus. Hier, an der Mensch-Maschine-Schnittstelle, geht es vor allem ums Bedienen und Beobachten, Menschen sind mitten in der Fertigung im Einsatz. Sie arbeiten an Leitständen und Maschinenpulten, kontrollieren und programmieren Fertigungszellen mit sicher eingehausten und geschützten Bedienpanels oder nutzen – etwa bei der fertigungsbegleitenden Qualitätssicherung – robuste „Industrial Workstations“, die für die raue Industrie-Umgebung ausgelegt sind.

Aber: Direkt auf Ergonomie-Aspekte der industriellen Welt ist nur eine einzige DIN-Norm zugeschnitten: die DIN 33414, die sich mit der Ergonomie von Warten beschäftigt. Das heißt, letztlich bleiben auch im industriellen Umfeld nur die Vorgaben aus dem Büro-Bereich als Ausgangsbasis, wenn zertifizierte Ergonomie umgesetzt werden soll.

„Um die Lücke bei den Normen zu füllen, greifen wir – und die entsprechenden Zulassungsstellen wie TÜV oder Berufsgenossenschaften – aktiv auf die Ergonomie-Standards für die Office-Welt zurück, und adaptieren sie für den Factory-Bereich,“ beschreibt Harald Dietel, der bei Rittal das Produktmanagement für Schaltschranksysteme leitet, den Lösungsansatz seines Unternehmens. Praktisch umgesetzt wurde dieser Transfer etwa bei den Industrial Workstations, die von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) umfassend getestet wurden, um sie mit dem GS-Zeichen für „Geprüfte Sicherheit“ auszustatten. Geprüft wurden die Workstations unter anderem nach einer EN-Norm, die auf die Sicherheit und Ergonomie von „Büromöbeln“ (ausgenommen Bürositzmöbel) ausgelegt ist

Doch wie sollten Arbeitsplätze im Factory-Bereich nun konkret beschaffen sein? Grundsätzlich geht es darum, dass er möglichst optimal auf den jeweiligen Anwender zugeschnitten ist – unabhängig davon, ob die Tätigkeit im Sitzen oder im Stehen erfolgt. Im Fokus hat die Ergonomie dabei unter anderem die optimale Auslegung des Seh-, Greif- und Fußraums sowie die bestmögliche Anordnung von Anzeige- oder Bedienfeldern. Ein wesentliches Merkmal ist, dass die Bedienpanels, Pulte oder Workstations so konzipiert sein müssen, dass verschieden große Menschen möglichst ermüdungsfrei mit ihnen arbeiten können. Um hier ergonomisch planen zu können, ist der Rückgriff auf empirisch und statistisch fundierte Größen unerlässlich. Nach DIN-Norm ist der „deutsche genormte Einheits-Mann“ 1855 mm groß, für Frauen liegt der Wert bei 1720 mm. Über die so genannte Perzentilierung, bei der eine statistische Verteilung der Körpermaße mit nach oben und unten abweichenden Werten erfolgt (siehe Tabelle), lässt sich sicherstellen, dass verschieden große Bediener ergonomisch bestens versorgt sind.

Für die Hersteller bedeutet dies, dass ihr Produktkatalog Bauteile wie höhenverstellbare Tragarm- oder Standfußsysteme für Bedienpanels beziehungsweise modular aufgebaute Sockel im 100-mm-Raster für Workstations oder Maschinenpulte umfassen sollte, um sämtliche ergonomische Ansprüche erfüllen zu können.

In den Ergonomie-Vorgaben nach DIN EN 894 Teil 1 bis 3 ist zudem definiert, wo sich (bei sitzender oder stehender Tätigkeit) die jeweils optimalen Aktionszonen für das Bedienen oder Beobachten befinden: So sollten beispielsweise die haptischen Funktionen – also Tastaturen oder Schalter – bei Standpulten oder Bedienpanels in einer Höhe von 1050 bis 1200 mm angeordnet sein. Wesentliche Anzeigen sollten auf einer Höhe von 1575 bis 1800 mm positioniert sein, während weniger wichtige Anzeigen weiter oben gut aufgehoben sind. Weiterhin gibt es die Beinfreiheit oder auch die Gesamttiefe des Arbeitsplatzes betreffende Bestimmungen (Bild 1).

Wie Hersteller auf immer präzisere Ergonomie-Vorgaben reagieren können, zeigt das Beispiel der neuen dreiteiligen TopPulte von Rittal, die für das Bedienen und Beobachten größerer Maschinen und Anlagen zum Einsatz kommen. Lag der Abstand zwischen dem Operator und dem für das Beobachten wichtigen Oberteil beim Vorgängermodell bei ergonomisch kritischen 950 mm, wurde diese Größe nun auf 650 mm verkürzt.

Inka Meyerholz, Computer&AUTOMATION

Autor

Sascha Preußner-Pfaff ist Produktmanager Schaltschranksysteme/ Mensch-Maschine-Schnittstelle bei Rittal in Herborn.