Bildverarbeitung: Krise stellt technische Trends in Frage

Das Branchenforum der Markt&Technik brachte es zutage: Vision-Sensoren und PC-gestützte Bildverarbeitungssysteme bringen intelligente Kameras mit Embedded-PC zunehmend in Bedrängnis, und die Gigabit-Ethernet-Schnittstelle dringt immer schneller vor.

Obwohl sich die Bildverarbeitungstechnik immer mehr Anwendungsfelder nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Industrie erschließt, ist die deutsche IBV-Branche massiv von der Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen. So rechnet der VDMA-Fachverband Industrielle Bildverarbeitung für die Branche derzeit mit einem Umsatzminus von 30 Prozent im Jahr 2009. Mit Prognosen, wann das seit Jahren gewohnte Wachstum wieder einsetzen werde, halten sich die Branchenexperten momentan noch zurück: »Nach dem starken Nachfragerückgang in diesem Jahr wird die Erholung nicht abrupt, sondern schrittweise im Laufe der nächsten Jahre kommen«, erläutert Dr. Dietmar Ley, Vorstandsvorsitzender des Fachverbands und im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Basler AG.



Angesichts der schwierigen Lage der IBV-Branche und ihrer Kunden aus der Industrie ist es nicht verwunderlich, dass zahlreiche Unternehmen ihre Strategien und Taktiken überdenken: »Wir sehen in der Krise, dass viele Dinge in Frage gestellt werden, die man bisher als normal angenommen hat«, betont Dr. Joachim Linkemann, Product Manager Components bei Basler. Einen daraus resultierenden, aber dennoch überraschenden Trend sieht Dr. Wolfgang Eckstein, Geschäftsführer von MVTec Software: »Was wir besonders in Asien wahrnehmen: Bislang war es angenehm für große Unternehmen, eine High-End-Smart-Camera zu kaufen, wobei ich Systeme für 8000 oder 10.000 Dollar meine«, sagt er. »Jetzt kommen die Einkäufer und sagen, das Ding kostet 10.000 Dollar - warum verwenden wir eigentlich ein solches System, wo doch ein PC, eine Kamera und ein Kabel viel preisgünstiger wären? Da sehe ich einen unerwarteten Trend: Alle sind bisher in Richtung High-End-Sensoren gelaufen, und nun gibt es eine Rückwärtsbewegung aus Kostengründen.«

Zustimmung erhält er von Markus Fremmer, General Manager des Produkt-Managements Machine Vision, Sensors, Laser Markers and Automation Control Devices bei Panasonic Electric Works Europe: »Ich kann den Trend bestätigen, dass es in Japan auch bei Wettbewerbern von uns eindeutig in Richtung PC-Systeme geht, was bisher absolut nicht die Richtung gewesen ist und auch nicht vorstellbar gewesen wäre«, führt er aus. Was die Klassifizierung der Systeme angeht, macht er allerdings eine Einschränkung: »Die Kategorie ›Intelligente Kamera‹ ist etwas weiter ›unten‹ angesiedelt als die Systeme, die ich meine«, verdeutlicht er. »Es sind eher Kompaktsysteme in der Mittelklasse, von denen man bisher gesagt hat, das ist die typische japanische Box, die an eine Steuerung angeklemmt wird, ein Keypad und einen Monitor hat und parametrierbar ist. Hier gibt es mittlerweile großen Gegenwind aus der PC-Ecke, der bisher so nicht feststellbar war.«

Welchen Einfluss die Krise auf Produktstrategien der Bildverarbeitungstechnik-Hersteller haben kann, zeigt Eckstein auf: »Vor fünf Jahren war es nicht mehr allzu schwierig, selbst eine Kamera zu entwickeln - viele Unternehmen sind dadurch hochgekommen, gerade in Europa«, führt er aus. »Eine CPU war dann ohnehin schon drin, und wenn man auch Ethernet drin hatte, war der Schritt zur Smart Camera keine große Herausforderung mehr.« Aus diesem Grund hätten viele Unternehmen versucht, in das Segment einzusteigen. »Weil aber diese Entwicklung jetzt zu einem Zeitpunkt läuft, an dem Kosten eine besonders große Rolle spielen, wird es hier am ehesten wieder wegbröckeln«, so Eckstein.

Einen technischen Nachteil intelligenter Kameras nennt Linkemann: »Eine intelligente Kamera, die Optik, Elektronik, Sensor und PC quasi in einer Kiste umfasst, ist schön und gut«, sagt er. »Aber was ist, wenn meine Anwendungen damit entwickelt sind und das Gerät abgekündigt wird, weil beispielsweise der Prozessor nicht mehr erhältlich ist? Dann habe ich ein Stand-Alone-System ohne Alternative. Wenn ich aber eine Gigabit-Ethernet-Kamera nehme und mit einem PC verbinde, dann habe ich Hardware-Komponenten, von denen ich weiß, dass sie auch noch in drei, fünf oder zehn Jahren so oder so ähnlich zu haben sein werden.« Ein Technik-Trend könne sich sehr schnell ergeben.

Beim Preisvergleich zwischen intelligenten Kameras und PC-Systemen schneiden letztere tatsächlich günstiger ab: »PCs haben lange Zeit 1000 Euro gekostet – sie wurden zwar immer leistungsfähiger, aber die 1000 Euro waren eine feste Größe«, formuliert Thomas Schmidgall, Marketing Manager von IDS Imaging Development Systems. »Mittlerweile sind wir bei PCs mit Prozessoren auf Pentium-Basis an einer Schwelle von 500 Euro angekommen, und Atom-gestützte Rechner unterschreiten diesen Wert noch mal um die Hälfte. Da macht natürlich das PC-gestützte System auf Basis eines Atom-Prozessors, wenn die Leistungsfähigkeit ausreicht, der intelligenten Kamera durchaus stark Konkurrenz.«

Wirklich industrietaugliche PCs sind freilich für derart wenig Geld nicht zu bekommen, wie Peter Keppler, Vertriebsleiter Systemlösungen bei Stemmer Imaging, zu bedenken gibt: »Mit Consumer-PCs um 500 Euro kann ich im industriellen Umfeld nicht ernsthaft etwas anfangen«, führt er aus. »In der Industrie brauche ich die Kommunikation, die I/Os, Montagevorrichtungen beispielsweise für die Hutschiene, das muss ja alles mit eingebaut werden. Bildverarbeitungs-PCs auf Atom-Basis haben häufig keine Festplatten und im Idealfall keine Lüfter.« Preislich seien sie mit Consumer-PCs kaum vergleichbar.